Übersetzungen. — Man kann den Grad deshistorischen Sinns, welchen eine Zeit besitzt, daran ab-schätzen, wie diese Zeit Übersetzungen macht undvergangne Zeiten und Bücher sich einzuverleiben sucht.Die Franzosen Corneille’s, und auch noch die der Revo-lution, bemächtigten sich des römischen Alterthums ineiner Weise, zu der wir nicht den Muth mehr hätten —Dank unserm höheren historischen Sinne. Und dasrömische Alterthum selbst: wie gewaltsam und naiv zu-gleich legte es seine Hand auf alles Gute und Hohe desgriechischen altern Alterthums! Wie übersetzten sie indie römische Gegenwart hinein! Wie verwischten sie ab-sichtlich und unbekümmert den Flügelstaub des Schmetter-lings Augenblick! So übersetzte Horaz hier und da denAlcäus oder den Archilochus, so Properz den Kallimachusund Philetas (Dichter gleichen Ranges mit Theokrit,wenn wir urtheilen dürfen): was lag ihnen daran, dassder eigentliche Schöpfer Diess und Jenes erlebt und dieZeichen davon in sein Gedicht hineingeschrieben hatte!.,—als Dichter waren sie dem antiquarischen Spürgeiste, derdem historischen Sinne voranläuft, abhold, als Dichterliessen sie diese ganz persönlichen Dinge und Namenund Alles, was einer Stadt, einer Küste, einem Jahrhun-dert als seine Tracht und Maske zu eigen war, nichtgelten, sondern stellten flugs das Gegenwärtige und dasRömische an seine Stelle. Sie scheinen uns zu fragen:„Sollen wir das Alte nicht für uns neu machen und unsin ihm zurechtlegen ? Sollen wir nicht unsre Seelediesem todten Leibe einblasen dürfen? denn todt ist ernun einmal: wie hässlich ist alles Todte!“ — Sie kanntenden Genuss des historischen Sinns nicht; das Vergangene
Nietzsche, Werke Band V. g