alle ihre Würde verloren haben. Es ist dann zwarnothwendig, klug zu s^in, aber auch so gewöhnlich undso gemein, dass ein eklerer Geschmack diese Nothwen-diglceit als eine Gemein*heit empfinden wird. Undebenso wie eine Tyrannei der Wahrheit und Wissen-schaft im Stande wäre, die Lüge hoch im Preise steigenzu machen, so könnte eine Tyrannei der Klugheit eineneue Gattung von Edelsinn hervortreiben. Edel sein— das hiesse dann vielleicht: Thorheiten im Kopfehaben.
21.
An die Lehrer der Selbstlosigkeit. — Mannennt die Tugenden eines Menschen gut, nicht in Hin-sicht auf die Wirkungen, welche sie für ihn selber haben,sondern in LIinsicht auf die AVirkungen, welche wir vonihnen für uns und die Gesellschaft voraussetzen: — manist von jeher im Lobe der Tugenden sehr wenig „selbst-los“, sehr wenig „unegoistisch“ gewesen! Sonst nämlichhätte man sehen müssen, dass die Tugenden (wie Fleiss,Gehorsam, Keuschheit, Pietät, Gerechtigkeit) ihren In-habern meistens schädlich sind, als Triebe, welcheallzu heftig und begehrlich in ihnen walten und vonder Vernunft sich durchaus nicht im Gleichgewicht zuden andern Trieben halten lassen wollen. Wenn dueine Tugend hast, eine wirkliche, ganze Tugend (undnicht nur ein Triebchen nach einer Tugend!) — so bistdu ihr Opfer! Aber der Nachbar lobt eben desshalbdeine Tugend! Man lobt den Fleissigen, ob er gleich dieSehkraft seiner Augen oder die Ursprünglichkeit undFrische seines Geistes mit diesem Fleisse schädigt; manehrt und bedauert den Jüngling, welcher sich „zu Schandengearbeitet hat“, weil man urtheilt: „Für das ganze Grosse