Druckschrift 
4 : Abth. 1, Bd. 4 (1895) Morgenröthe
Entstehung
Seite
361
Einzelbild herunterladen
 

361

erzählen! Jetzt, da ihnen das Wirkliche und das Ver-gangene immer mehr aus den Händen genommen wirdund werden muss, denn die Zeit der harmlosen Failsch-münzerei ist zu Ende! Wollten sie uns von den zu-künftigen Tugenden Etwas vorausempfinden lassen!Oder von Tugenden, die nie auf Erden sein werden, ob-schon die irgendwo in der Welt sein könnten, vonpurpurglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassendes Schönen! Wo seid ihr, ihr Astronomen' des Ideals?

55 2 -

Die idealische Selbstsucht. Giebt es einenweihevolleren Zustand als den der Schwangerschaft?Alles, was man thut, in dem stillen Glauben thun, esmüsse irgendwie dem AVerdenden in uns zu Gute kom-men! Es müsse seinen geheimnissvollen Werth, an denwir mit Entzücken denken, erhöhen! Da geht manAAielem aus dem Wege, ohne hart sich zwingen zumüssen! Da unterdrückt man ein heftiges Wort, mangiebt versöhnlich die Hand: aus dem Mildesten undBesten soll das Kind hervorwachsen. Eg schaudert unsvor unsrer Schärfe und Plötzlichkeit: wie wenn sie demgeliebtesten Unbekannten einen Tropfen Unheil in denBecher seines Lebens gösse! Alles ist verschleiert,ahnungsvoll, man weiss von Nichts, wie es zugeht, manwartet ab und sucht bereit zu sein. Dabei waltet einreines und reinigendes Gefühl tiefer Unverantwortlichkeitin uns, fast wie es ein Zuschauer vor dem geschlossenenVorhänge hat, es wächst, es tritt an den Tag: wirhaben Nichts in der Hand, zu bestimmen, weder seinenAAArth, noch seine Stunde. Einzig auf jeden mittelbarensegnenden und wehrenden Einfluss sind wir angewiesen.