149
auch wenn wir immer nur nach ihm hin unser Ohrrichten, — es sei denn, dass wir die Kunst der Olym-pier erlernten und uns fürderhin am Unglück der Men-schen erbauten, anstatt daran unglücklich zu werden.Das ist aber etwas zu olympierhaft für uns: obwohl wir,mit dem Genuss der Tragödie, schon einen Schritt nachdiesem idealischen Götter-Kannibalenthum gethan haben.
145 -
„Unegoistisch!“ — Jener ist hohl und will vollwerden, Dieser ist überfüllt und will sich ausleeren, —Beide treibt es, sich ein Individuum zu suchen, dasihnen dazu dient. Und diesen Vorgang, im höchstenSinne verstanden, nennt man beidemal mit Einem Worte:Liebe, — wie? die Liebe sollte etwas Unegoistisches sein?
146.
Auch über den Nächsten hinweg. — Wie?Das Wesen des wahrhaft Moralischen liege darin, dasswir die nächsten und unmittelbarsten Folgen unsererHandlungen für den Anderen inVAuge fassen und unsdarnach entscheiden? Diess ist nur eine enge und klein-bürgerliche Moral, wenn es auch Moral sein mag: aberhöher und freier scheint es mir gedacht, auch über diesenächsten Folgen für den Andern hinwegzusehenund entferntere Zwecke unter Umständen auch durchdas Leid des Anderen zu fördern, — zum Beispieldie Erkenntniss zu fördern, auch trotz der Einsicht, dassunsere Freigeisterei zunächst und unmittelbar die Anderenin Zweifel, Kummer und Schlimmeres werfen wird.Dürfen wir unseren Nächsten nicht wenigstens so be-