Leibe nachbilden (mindestens bis zu einer leisen Ähnlich-keit des Muskelspiels und der Innervation). Dann ent-steht in uns ein ähnliches Gefühl, in Folge einer altenAssociation von Bewegung und Empfindung, welchedarauf eingedrillt ist, rückwärts und vorwärts zu laufen.In dieser Geschicklichkeit, die Gefühle des Andern zuverstehen, haben wir es sehr weit gebracht, und fastunwillkürlich sind wir in Gegenwart eines Menschenimmer in der Übung dieser Geschicklichkeit: man sehesich namentlich das Linienspiel in den weiblichen Ge-sichtern an, wie es ganz vom unaufhörlichen Nachbildenund Wieders'piegeln dessen, was um sie herum empfundenwird, erzittert und glänzt. Am deutlichsten aber zeigtuns die Musik, welche Meister wir im schnellen undfeinen Errathen von Gefühlen und in der Mitempfindungsind: wenn nämlich Musik ein Nachbild vom Nachbildvon Gefühlen ist und doch, trotz dieser Entfernung undUnbestimmtheit, uns noch oft genug derselben theilhaftigmacht, sodass wir traurig werden, ohne den geringstenAnlass zur Trauer, wie vollkommene Narren, blos weilwir Töne und Rl^thmen hören, welche irgendwie an denStimmklang und die Bewegung von Trauernden, odergar von deren Gebräuchen, erinnern. Man erzählt voneinem dänischen König, dass er von der Musik einesSängers so in kriegerische Begeisterung hineingerissenwurde, dass er aufsprang und fünf Personen seines ver-sammelten Hofstaates tödtete: es gab keinen Krieg,keinen Feind, vielmehr von Allem das Gegentheil, aberdie vom Gefühle zur Ursache zurückschliessendeKraft war stark genug, um den Augenschein und dieVernunft zu überwältigen. Allein, diess ist eben fastimmer die Wirkung der Musik (gesetzt, dass sie ebenwirkt —) und man braucht so paradoxer Fälle nicht,
Nietzsche, "Werke Band IV.
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