Druckschrift 
4 : Abth. 1, Bd. 4 (1895) Morgenröthe
Entstehung
Seite
137
Einzelbild herunterladen
 

Anblick angethan wird und das sehr verschiedener Artsein kann, Mit-Leid zu benennen, denn unter allen Um-ständen ist es ein Leid, von dem der vor uns Leidendefrei ist: es ist uns zu eigen, wie ihm sein Leiden zueigen ist. Nur dieses eigne Leid aber ist es, welcheswir von uns abthun, wenn wir Handlungen des Mit-leidens verüben. Doch thun wir Etwas der Art nie ausEinem Motive; so gewiss wir uns dabei von einem Leidenbefreien wollen, so gewiss geben wir bei der gleichenHandlung einem Antriebe der Lust nach, Lustentsteht beim Anblick eines Gegensatzes unsrer Lage,bei der Y orstellung, helfen zu können, wenn wir nurwollten, bei dem Gedanken an Lob und Erkenntlichkeit,im Falle wir hälfen, bei der Thätigkeit der Hülfe selber,insofern der Act gelingt und als etwas schrittweise Ge-lingendes dem Ausführenden an sich Ergötzen macht,namentlich aber in der Empfindung, dass unsere Hand-lung einer empörenden Ungerechtigkeit ein Ziel setzt(schon das Auslassen seiner Empörung erquickt). DiessAlles, Alles, und noch viel Feineres hinzugerechnet, istMitleid: wie plump fällt die Sprache mit ihrem

Einen Worte über so ein polyphones Wesen her! Dassdagegen das Mitleiden ein artig mit dem Leiden sei,bei dessen Anblick es entsteht, oder dass es ein be-sonders feines durchdringendes Verstehen für dasselbehabe, diess Beides widerspricht der Erfahrung, undwer es gerade in diesen beiden Hinsichten verherrlichthat, dem fehlte eben auf diesem Bereiche des Moralischendie ausreichende Erfahrung. Das ist mein Zweifel beiall den unglaublichen Dingen, welche Schopenhauer vomMitleide zu berichten weiss: er, der uns damit zumGlauben an seine grosse Neuigkeit bringen möchte, dasMitleiden eben das von ihm so mangelhaft beobachtete,