73
zu uns hinstrebe. Man geht durch die Gassen undmeint, jedes Auge gelte uns: und was wäre es, wennein Auge und ein Wort uns wirklich gilt! — nicht mehr,als es uns angeht, wenn der Blick und das Wort einemZweiten gilt, — wir sollten persönlich eben so gleich-gültig sein können! Vermehrung der Gleichgültigkeit!Und dazu Übung, mit andern Augen sehen: Übung,ohne menschliche Beziehungen, also sachlich zu sehen!Den Menschen - Grössen wahn curiren ! Woher kommter? Von der Furcht: alle geistige Kraft musste immerschnell zum Persönlich-sehen zurückspringen. Es istschon das thierische Leiden. Die höchste Selbstsucht hatihren Gegensatz nicht in der Liebe zum andern! Son-dern im neutralen sachlichen Sehen! Die Leidenschaftfür das trotz allen Personen-Rücksichten, trotz allem„Angenehmen“ und Unangenehmen „Wahre“ ist diehöchste, — darum seltenste bisher!
132.
(Vgl. Morgenröthe, Aph. 501; Bd. XI, Nachträge z. Morgenröthe, Aph.
139, 140; Fröhliche Wissenschaft, Aph. 324; Jenseits, Aph. 210.)
Neue Praxis.— Den andern Menschen zunächst wieein Ding, einen Gegenstand der Erkenntniss an-sehen, dem man Gerechtigkeit widerfahren lassen muss:die Redlichkeit verbietet, ihn zu verkennen, ja ihnunter irgendwelchen Voraussetzungen zu behandeln, welcheerdichtet und oberflächlich sind. Wohlthun ist dasselbe,wie eine Pflanze sich in’s Licht rücken, um sie besser zusehen, — auch Wehethun kann ein nöthiges Mittel sein,damit die Natur sich enthülle. Nicht jeden als Menschenbehandeln, sondern als so und so beschaffenen Menschen:erster Gesichtspunkt! Als etwas, das erkannt sein muss,bevor es so und so behandelt werden kann. Die Moral