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(Vgl. Bd. XI, Nachträge zur Morgenröthe, Aph. 234, 235; Fröhliche
Wissenschaft, Aph. 114; Jenseits von Gut u. Böse, Aph. 192.)
Wir hören wenig und unsicher, wenn wir eineSprache nicht verstehen, die um uns gesprochen wird.Ebenso bei einer Musik, die uns fremd ist, wie diechinesische. Das Gut hören ist also wohl ein fort-währendes Errathen und Ausfüllen der wenigenwirklich wahrgenommenen Empfindungen. Verstehen,ist ein erstaunlich schnelles entgegenkommendes Phanta-siren und Schliessen; aus zwei Worten errathen wir denSatz (beim Lesen); aus einem Vocal und zwei Conso-nanten ein Wort beim Hören, ja viele Worte hören wirnicht, denken sie aber als gehört. — Was wirklichgeschehen ist, ist nach unserm Augenschein schwerzu sagen, — denn wir haben fortwährend dabei gedichtetund geschlossen. Ich habe öfter beim Sprechen mit Per-sonen ihren Gesichtsausdruck so deutlich vor mir, wieihn meine Augen nicht wahrnehmen können: es ist eineFiction zu ihren Worten, die Auslegung in Geberden desGesichts.
Ich vermuthe, dass wir nur sehen, was wir kennen;unser Auge ist in der Handhabung zahlloser Formenfortwährend in Übung: — der grösste Theil des Bildes istnicht Sinneneindruck, sondern Phantasie-Erzeugniss.Es werden nur kleine Anlässe und Motive aus den Sinnengenommen, und das wird dann ausgedichtet. Die Phan-tasie ist an Stelle der „Nebenmusik“ zu setzen: es sindnicht unbewusste Schlüsse, als vielmehr hingeworfeneMöglichkeiten, welche die Phantasie giebt (wenn zumBeispiel Sousreliefs in Reliefs für den Betrachter Um-schlagen).