Druckschrift 
11 : Abth. 2, [Nachgelassene Werke] ; Bd. 3 (1897) Schriften und Entwürfe 1876 - 1880 : Die Pflugschar; Die Sorentiner Papiere; Der neue Umblick; Nachträge zu den "Vermischten Meinungen und Sprüchen"; Nachträge zu "Der Wanderer und sein Schatten"; Vorarbeiten und Nachträge zur "Morgenröthe"
Entstehung
Seite
377
Einzelbild herunterladen
 

(Vgl. unten S. 380, Aph. 510; Morgenröthe, Aph. 377.)

Die Griechen litten am meisten beim Anblick derHässlichkeit, die Juden bei der Sünde, die Franzosen beimAnblick des ungeschickten geistarmen brutalen Selbst,deshalb idealisirten sie das Gegentheil, und diesesIdeal bildete sie selber um. Rache für das Leid: Motivfür die Bildung der Götter und künstlerischen Vorbilder.Der Mangel an berückender Sinnlichkeit macht die deut-schen Maler zu Enthusiasten des Sinnlichen. Das Leidenan der Gluth der Leidenschaft hat die Italiäner zu Ver-ehrern des kalten künstlichen Formalismus gemacht, undzu Verehrern der Jungfrau Maria und des Christus.Schopenhauer idealisirte das Mitleiden und die Keusch-heit, weil er am meisten von dem Gegentheil litt.Derunabhängige Mensch ist das Ideal des abhängigsten, im-pressionabelsten. Dies sind die unerfüllbarenIdeale, wirkliche falsche Phantasmen: ihr Anblick ent-zückt und demüthigt: dieser Zwitterzustand ist be-zeichnend für die Menschen des unerfüllten Ideals. Esist ihr Höhepunkt: sie ruhen dann über ihrem Wesen,mit einem verächtlichen Blick nach unten.

496.

Falsche Schlüsse:Ich schätze die Menschen gering,folglich schätzen sie mich hoch,ich fürchte die Menschennicht, folglich fürchten sie mich. Aber die umgekehrtenSchlüsse sind eben so falsch. Das Schliessen ist hiereben das Falsche: es ist, als ob ein Kind schliesst:ichmache die Augen zu, folglich sehen mich die andernnicht.