37 °
468.
Amor und Psyche. — Wenn das Auge gar zuunverschämt in das Vergnügen der Sinne blickt, so istdas Vergnügen sehr schnell etwas Widerliches. Manmuss es wie die Griechen verstehen, Götter und Phan-tastereien einzumischen und die groben Augen einzu-hüllen; man muss vergessen können oder mindestensvieles nie geradezu mit Namen nennen; das Vergnügenmuss den Intellect beschleichen, wenn er schläft oderträumt.
469.
(Vgl. oben S. 252, Aph. 173.)
Die Männer gründen die Ehe, um das Gefühl derMacht zu haben: die Frauen auch (unabhängig sein).Aber sie irren sich beide. Die Liebe ist kein Grund zurEhe, eher ein Gegengründ: ein tiefes Gefühl verbirgt sich.
470.
(Vgl. Morgenröthe, Aph. 149.)
Bei der Liebesleidenschaft kann man sehen, wie weitdie Redlichkeit vor uns selber fehlt: ja man setzt dasvoraus und gründet darauf die Ehe (mit Versprechen,wie sie kein Redlicher gegen sich geben kann!).So früher bei der Treue von Untergebenen gegenFürsten oder gegen das Vaterland, oder die Kirche: manschwor die Redlichkeit gegen sich feierlich ab.
471.
(Vgl. Morgenröthe, Aph. 368.)
Oft kommen zwei Menschen zusammen, deren Sitt-lichkeit so schlecht zusammen passt, dass der eine da einVacuum hat, wo der andere seine Kraft und Tugendfühlt; sie nennen sich gegenseitig „unsittlich“.