354
gehört zum philosophischen Charakter unserer Zeit: ebensowie die Naturtreue der Maler. Man geht, soweit mankann, und ist radical.
417-
Die feinsten Farben in Litteratur und Musik sindnur beruhigten Menschen sichtbar und voller Lust, — waswollen sie in unsrer Zeit!
418.
Wer ausschliesslich einer einzigen Gattung MusikGehör schenkt, weiss endlich nicht mehr, wie abscheulichsie klingt: mehr noch, er weiss die feinen und gutenSachen nicht mehr von den schwachen und übertriebenenzu unterscheiden und geniesst im einzelnen weniger, alsman glaubt, im ganzen freilich hat er das Gefühl derMacht, — seine Musik sei die beste Musik und seidurchweg gute Musik: obschon von beidem das Gegen-theil wahr ist. Wer nur sich liebt, kann aus dem schlech-testen Geschmack eine Seligkeit empfinden und darausein Gesetz, eine Tyrannei machen: le mcmvais goüt meneau crime.
419.
In Deutschland hat man fast das Bedürfniss und da-her auch den Sinn der unschuldigen Musik verloren;man denkt der Zeiten, wo auch die guten Frauen sichnicht genügend für die Nacht vorbereitet zu haben glaub-ten, wenn nicht der Schlaftrunk, ein schwerer heisserüberreizter Wein, vor ihnen stand.
420.
Blutschande, Ehebruch, Nothzucht, erotische Be-sessenheit, nach denen nicht nur die französischen Dra-matiker des romantischen Geschmacks, sondern auch die