Volkes in die Hand zu geben. Erwägt man aber, welcheAnstrengungen das nichtsemitische Europa gemacht hat,um diese fremdartige kleine jüdische Welt sich rechtnahe an’s Eierz zu legen, sich über nichts darin mehr zuwundern, sondern sich nur über sich selbst und seineBefremdung zu wundern, — so hat vielleicht in nichtsEuropa sich so sehr selbst überwunden, wie in dieserAneignung der jüdischen Litteratur. Das jetzige euro-päische Gefühl für die Bibel ist der grösste Sieg überdie Beschränktheit der Rasse und über den Dünkel, dassfür jeden eigentlich nur das werthvoll sei, was sein Gross-vater und dessen Grossvater gesagt und gethan haben.Dieses Gefühl ist so mächtig, dass, wer sich jetzt freiund erkennend zur Geschichte der Juden stellen will,erst viele Mühe nöthig hat, um aus der allzugrossenNähe und Vertraulichkeit herauszukommen und das Jü-dische wieder als fremdartig zu empfinden. Denn Europahat sich selber zu einem guten E'heil in die Bibel hinein-legen und im ganzen und grossen etwas Ähnliches thunmüssen, wie die Puritaner Englands, welche ihre Sen-tenzen, ihre Gewohnheiten, ihre Zeitgenossen, ihre Kriege,ihre kleinen und grossen Schicksale in dem jüdischenBuche aufgezeichnet (prophezeit) fanden.
Was aber sagt der Europäer, welcher nach demVorzug der altjüdischen Litteratur vor allen andern altenLitteraturen gefragt wird: „es ist mehr Moral darin.“Das heisst aber: es ist mehr von der Moral darin, welchejetzt in Europa anerkannt wird; und das heisst wiederumnichts andres als: Europa hat die jüdische Moralität an-genommen und hält diese für eine bessere, höhere, dergegenwärtigen Gesittung und Erkenntniss angemessenere,als die arabische, griechische, indische, chinesische. — Wasist der Charakter dieser Moralität? Sind die Europäer
Nietzsche, Werke II. Abtheilung Band XI. 21