hätte, wenn er in Noth wäre; anderseits würde er, wenner den andern in der Freude fände, Leid über ihnempfinden und ihm die Freude zu vergällen suchen, ■—so sollte Schopenhauer’s praktische Moral klingen. DasMitleiden, wie es Schopenhauer schildert, ist, von seinemStandpunkte aus, die eigentliche Perversität, die gründ-lichste aller möglichen Dummheiten.
296.
(Vgl. Menschliches I, Aph. 212; Morgenröthe, Aph. 134;
Antichrist, Cap. 7.)
Die Griechen litten nach Aristoteles öfter an einemUbermaass von Mitleid: daher die nothwendige Ent-ladung durch die Tragödie. Wir sehen, wie verdächtigdiese Neigung ihnen vorkam. Sie ist staatsgefährlich,nimmt die nöthige Härte und Straffheit, macht, dassHeroen sich geberden wie heulende Weiber u. s. w. —In jetziger Zeit will man das Mitleid durch die Tragödiestärken, — wohl bekomm’s. , Aber man merkt nichtsdavon, dass es da ist, vorher und nachher.
297.
(Vgl. Morgenröthe, Aph. 133.)
Zu verstehen, wie es einem andern (oder einemThier) zuMuthe ist, ist etwas anderes als mit empfinden:das Wissen des Arztes zum Beispiel und das der Mutterdes kranken Kindes; — aber die Voraussetzung? Es istdurchaus nicht ein Nachbilden dieses bestimmten Leiden-gefühls, sondern ein Leiden darüber, dass jemand leidet.Dagegen bezieht sich das Wissen auf die bestimmte Artdes Schmerzes: „seinen Schmerz ihm nachfühlen“, weilman ähnliches erlebt hat, ist von der Art des ärztlichenWissens um den Schmerz, — ist nicht das eigentliche
Nietzsche, "Werke XI. Abtheilung Band XI. 2 o