28g
258.
(Vgl. Meinungen und Sprüche, Aph. 26; Morgenröthe, Aph. 539;
Fröhliche Wissenschaft, Apli. 333.)
Der Intellect ist das Werkzeug unsrer Triebe undnichts mehr, er wird nie frei. Er schärft sich im Kampfder verschiedenen Triebe und verfeinert die Thätigkeitjedes einzelnen Triebes dadurch. In unsrer grössten Ge-rechtigkeit und Redlichkeit ist der Wille nach Macht,nach Unfehlbarkeit unsrer Person: Skepsis ist nur inHinsicht auf alle Autorität, wir wollen nicht düpirt sein,auch nicht von unsern Trieben. Aber was eigentlichwill denn da nicht? Ein Trieb, gewiss!
259 -
Auch im Intellectuellen, zum Beispiel in der Ab-schätzung von Meinungen, führen wir nicht immer Gründein’s Feld, sondern sehr häufig einen intellectuellen Ekel,weil wir sehen, aus kleinen Anzeichen, wie stumpf undkurz und genügsam einer ist, oder wie weit das Selbst-vertrauen des Unwissenden und des Neulings geht. Dasheisst: wir beurtheilen die Methode des Erkennens alsschleimig, verwest, übelriechend, Unrath, ausgespieen,wiedergekaut, madenzerfressen, schal, abgestanden, dumpfu. s. w.
260.
(Vgl. Meinungen und Sprüche, Aph. 26; Fröhliche Wissenschaft, Aph. 110;
Jenseits, Aph. 177.)
Unserm ganzen Organismus ist das vorschnelle Zu-neigen und Abneigen, die Verstellung u. s. w. ein ge-formt worden: allmählich kann ihm auch die Wahr-haftigkeit angebildet werden und immer tiefer einwurzeln,mit welchen Wirkungen? Einstweilen ist er ein be-wegtes Netz von Lüge und Trug und deren Fangarmen:
Nietzsche, Werke II. Abtheilung Band XI.
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