Man wähnte, diese Handlungen zu verstehen, moralischeUrtheile sind „Erklärungen derselben nach Zwecken“,ein Ansatz der Wissenschaft. Indem man sie benannte(bös, gut, gerecht u. s. w.), zweifelte man nicht, sie durchund durch zu verstehen. Sokrates gerieth erst in dasMisstrauen, ob er sie verstünde. Aber er zweifelte nicht,dass den Worten „gut, bös“ u. s. w. etwas Wesent-liches entspräche!
128.
Da es mehr als je individuelle Maassstäbe giebt, soist wohl auch die Ungerechtigkeit grösser als je.—Derhistorische Sinn eine moralische Gegenkraft. Das Wehe-thun durch Urtheile ist jetzt die grösste Bestialität, dienoch existirt. Es giebt keine allgemeine Moral mehr,wenigstens wird sie immer schwächer, ebenso der Glaubedaran unter den Denkern.
Es giebt genug Menschen, welche ohne Moral leben,weil sie dieselbe nicht mehr nöthig haben (wie solche,die ohne Arzt, Medicin, peinliche Proceduren leben, weilsie gesund sind und entsprechende Gewohnheiten haben).Moralisch bewusst leben — setzt Fehlerhaftigkeit vorausund deren Druck und Folgen, das heisst: wir haben unsreExistenzbedingungen noch nicht gefunden und suchensie noch. Für das Individuum, so weit es kein Den-ker ist, hat Moral ein begrenztes Interesse: so langees ihm nicht wohl, nicht regelmässig zu Muthe ist, denktes nach über die Ursachen und sucht moralische, daandre ihm als Schlechtgelehrtem unbekannt sind. DieFehler seiner Constitution, seines Charakters in die Mo-ralität sich schieben, an seiner Krankheit schuld seinwollen — ist moralisch!