225
es war zumeist das Leiden von der Art, wie man sagt:„wie dumm war ich, das zu thun!“ Etwas dem Sünden-gefühle Ähnliches konnte nur bei Philosophen entstehen,auf Grund von der reinen göttlichen Seele und derenVerunreinigung: nicht nur eine Dummheit und ein
wirklicher Nachtheil, sondern ein Gefühl der Erniedri-gung und Beschmutzung, eine Beleidigung einer erha-benen Vorstellung von uns. Seine Meinung über dieLeidenschaften und das Böse verstörten den Philosophen,nicht so sehr die üblen Folgen. Aber alles gieng aufeinem Gleise vorwärts in dieser Richtung, das Christen-thum brachte den stärksten Ausdruck, indem es diewirklichen Folgen ganz ausser Acht liess und beinahe alsindifferent behandelte. Also die Wirkung des Handelnsselber für das Organ des Plandelns. Das Ideal Epiktet’s:sich selber wie einen Feind und Nachsteller immer imAuge haben: der kriegerische Einsiedler, der ein kost-bares Gut zu vertheidigen und vor Verderbniss zuwahren hat, nachdem er es errungen hat. Nicht aufdie Menschen giebt er Acht, er glaubt sie zu kennen,er hat von dem Interesse des Individuellen keineAhnung: sie sind die Schatten, das Wahre in ihnensind ihre Gedanken und Triebe, welche er philosophischrubricirt hat. In dieser Geisterwelt lebt er und kämpftseinen Kampf. Er hat nur Freude als Krieger. Ebensohat das Christenthum keinen Genuss am Menschen. Wiraber rechnen ihn wieder zur Natur und geniessen dieNatur: wir sind nicht nur gerecht gegen alle Natur undfinden sie reich, erstaunlich, unerkannt, forschungswürdig.Der Roman und die psychologische Beobachtung ausLust am Menschen ist unser. Wir verzeihen uns vielmehr, wir verachten uns viel weniger, wir wünschenvieles nicht weg, wenn wir gleich gelegentlich daran
Nietzsche, Werke II. Abtheilung Band XI.
15