— 198 —
herumzuschleifen: so ist dies die Ekel erregende Caricaturdes Achilles, der den Leichnam des Rektor nächtlichdurch ein ähnliches Herumschleifen misshandelt; aberselbst dieser Zug hat für uns etwas Beleidigendes undGrausen Einflössendes. Wir sehen hier in die Abgründedes Hasses. Mit derselben Empfindung stehen wir etwa auchvor dem blutigen und unersättlichen Sichzerfleischen zweiergriechischer Parteien, zum Beispiel in der korkyräischenRevolution. Wenn der Sieger, in einem Kampf derStädte, nach dem Rechte des Krieges, die gesammtemännliche Bürgerschaft hinrichtet und alle Frauen undKinder in die Sklaverei verkauft, so sehen wir, in derSanction eines solchen Rechtes, dass der Grieche einvolles Ausströmenlassen seines Hasses als ernste Noth-wendigkeit erachtete; in solchen Momenten erleichtertesich die zusammengedrängte und geschwollene Empfin-dung: der Tiger schnellte hervor, eine wollüstige Grau-samkeit blickte aus seinem fürchterlichen Auge. Warummusste der griechische Bildhauer immer wieder Kriegund Kämpfe in zahllosen Wiederholungen ausprägen,ausgereckte Menschenleiber, deren Sehnen vom Hassegespannt sind oder vom Übermuthe des Triumphes, sichkrümmende Verwundete, ausröchelnde Sterbende? Warumjauchzte die ganze griechische Welt bei den Kampf-bildern der Ilias? Ich fürchte, dass wir diese nicht „grie-chisch“ genug verstehen, ja dass wir schaudern würden,wenn wir sie einmal griechisch verstünden.
Was aber liegt, als der Geburtsschooss alles Helleni-schen, hi nt er der homerischen Welt? In dieser werden wirbereits durch die ausserordentliche künstlerische Bestimmt-heit, Ruhe und Reinheit der Linien über die rein stofflicheVerschmelzung hinweggehoben: ihre Farben erscheinen,durch eine künstlerische Täuschung, lichter, milder, wärmer