Prüfen wir also von diesem Standpunkte aus die soge-nannte homerische Frage, dieselbe, von deren wich-tigstem Problem Schiller geredet hat als von einer ge-lehrten Barbarei.
Mit diesem wichtigsten Problem ist gemeint dieFrage nach der Persönlichkeit Homer’s.
Man hört jetzt allerwärts die nachdrückliche Behaup-tung, dass die Frage nach der Persönlichkeit Flomer’seigentlich nicht mehr zeitgemäss sei und von der wirk-lichen „homerischen Frage“ ganz abseits liege. Nun darfman freilich zugeben, dass für einen gegebenen Zeitraum,also z. B. für unsre philologische Gegenwart, das Centrumder genannten Frage sich von dem Persönlichkeitspro-bleme etwas entfernen könne: macht man doch gerade inder Gegenwart das sorgfältigste Experiment, die home-rischen Dichtungen ohne eigentliche Beihülfe der Persön-lichkeit, aber als das Werk vieler Personen zu con-struiren. Wenn man aber das Centrum einer wissen-schaftlichen Frage mit Recht dort findet, von wo sichder volle Strom neuer Anschauungen ergossen hat, alsoan dem Punkte, an dem die wissenschaftliche Einzel-forschung sich mit dem Gesammtleben der Wissenschaftund der Cultur berührt, wenn man also nach einer cultur-historischen Werthbestimmung das Centrum bezeichnet,so muss man auch in dem Bereiche homerischer For-schungen bei der Persönlichkeitsfrage stehn bleiben, alsdem eigentlich fruchtbringenden Kern eines ganzenFragencyklus. An Homer nämlich hat die moderneWelt einen grossen historischen Gesichtspunkt, ich willnicht sagen gelernt, aber zuerst erprobt; und ohne schonhier meine Meinung darüber kund zu geben, ob dieseProbe gerade an diesem Objecte mit Glück gemacht istoder gemacht werden konnte, war doch damit das erste