XXXIX
er bisher verbrannt hatte, nun auch verbrannt und ab-gethan werden muss. Von einem gewollten bewusstenAbfall, den Nietzsche sich selbst angethan habe, um sichdurch Schmerzen fruchtbar zu machen, ist hier keine Spur:das sind Fabeln einer in’s Pathologische ausschweifendenPhantasie. Den wirklichen Process kann jetzt der Leser indiesen zwei Bänden Schritt für Schritt verfolgen: er fühltselbst, wie das Gewicht der neuen Ideen in der einenSchale wächst, und sieht von weitem her den Augenblickkommen, in dem die Wage Umschlägen muss. Plötzlichund unvermittelt konnte jener Umschwung nur erscheinen,so lange der grössere Theil des nietzschischen Denkensaus jener Zeit unbekannt war. Nicht einmal äusserlichwar es ein plötzlicher Bruch: im Sommer 1876 vollziehtsich die innerliche Abkehr und erst im Frühjahr 1878,beim Erscheinen des „Menschlichen, Allzumenschlichen“,tritt sie an’s Tageslicht. Wie Nietzsche selbst dasempfand, was da geschehen war, verrathen die Worte, dieer nach Vollendung des „Menschlichen“ einem Freundeschreibt: „Können Sie mir jenes Gefühl — das unver-
gleichliche — nachfühlen, zum ersten Male öffentlichsein Ideal und sein Ziel bekannt zu haben, das keinersonst hat, das fast niemand verstehn kann, und dem nunein armes Menschenleben genügen soll —“
Noch eins darf nicht unbetont bleiben: viel schärferals in den bereits gedruckten Schriften tritt in diesenzwei Bänden das hervor, was auch in dieser PeriodeNietzsche’s eigner und eigenster Besitz war, das unver-lierbare, unveräusserliche Gut seiner innersten Natur.Dass die leitenden Ideen seiner letzten Zeit denen derersten nahe verwandt sind, haben auch die erkannt, dievon den salti mortali seiner Entwicklung fabeln. Eskonnte aber früher nicht vermuthet werden, wie klar