XXXVII
Genie nicht übersehen, das versteckter zwar, aber dochin hundert Anzeichen sichtbar wird. Diese Gabe bewahrtihn davor, je Dogmatiker zu werden: auch Schopenhauerund Wagner hat er nie dogmatisch genommen. Eincharakteristisches Geständniss hierfür steht in den Nach-trägen zu „Schopenhauer als Erzieher“ (X, 285 £). „Ichbin ferne davon zu glauben, dass ich Schopenhauer richtigverstanden habe, sondern nur mich selber habe ich durchSchopenhauer ein weniges besser - verstehen gelernt; dasist es, weshalb ich ihm die grösste Dankbarkeit schuldigbin. Aber überhaupt scheint es mir nicht so wichtig zusein, wie man es jetzt nimmt, dass bei irgend einemPhilosophen genau ergründet und an’s Licht gebrachtwerde, was er eigentlich im strengsten Wortverstandegelehrt habe, was nicht . . . und zuletzt bleibt es mirunwahrscheinlich, dass so etwas wirklich ergründet wer-den kann ... Es ist an einem Philosophen etwas, wasnie an einer Philosophie sein kann: nämlich die Ursachezu vielen Philosophien, der grosse Mensch.“ Die ganzeSchopenhauerschrift ist ein Beweis für diese undogmatische,rein persönliche Art Nietzsche’s: nie ist eine Lobschriftauf einen Philosophen geschrieben worden, in der vondessen Philosophie so wenig die Rede ist. V on der
schopenhauerischen Lehre wird überhaupt nicht gesprochen,Nietzsche betrachtet ausschliesslich Schopenhauer’s Persön-lichkeit, sein Ethos, die Bedingungen und Gefahren seinerEntwicklung, seine unmittelbaren persönlichen Wirkungenund knüpft daran Betrachtungen über die Möglichkeiteneiner künftigen Cultur, dieErzeugung künftiger Philosophen.Im Grunde ist diese ganze Schrift nur ein Selbstbekennt-niss Nietzsche’s über seine Erfahrungen, die er an Schopen-hauer gemacht hat, und die Ideale, die ihm selbst ausdiesen Erfahrungen erwachsen sind: also etwas im inner-