XV
die reporterhafte, zettelsüchtige, im und für den Augen-blick arbeitende Art in allen Formen und Verkleidungen.Aber die Bücher seiner Bibliothek tragen die unmittel-barsten Spuren des Eindrucks, den sie auf ihn gemachthaben. Wenn seine Augen ihn nicht zwingen, sichvorlesen zu lassen, liest er alle Bücher, die ihn überden Augenblick hinaus interessiren, mit dem Stift inder Hand: streicht an, was ihn besonders trifft, einfach,doppelt, vierfach, setzt Fragezeichen und Ausrufe, fasstZustimmung und Widerspruch in kurze, oft göttlichgrobe Censuren zusammen und discutirt mit dem Ver-fasser in kürzeren und längeren Randglossen und Ex-cursen. Das Studium dieser Reflexbewegungen seinessensibeln und impulsiven Geistes giebt dem Leser dieintimsten und sichersten Schlüsse an die Hand: es istvielleicht zu bedauern, dass es keine Möglichkeit giebt,diese Momentbilder dem allgemeinem Studium zugäng-lich zu machen.
3. Von solchen keinem directen Buchplane dienendenStudien sind streng zu scheiden die Aufzeichnungen,in denen die erste Conceptionstufe entstehenderBücher enthalten ist. Diese ersten Niederschriften sindfür die meisten seiner Werke, für einige ohne Lückeerhalten. Die Entstehung der nietzschischen Schriftenliegt in ihnen so klar vor Augen, dass sich ein zuver-lässiges Bild seiner Arbeitsweise danach malen lässt.
AVenn die Ideen eines zu schreibenden Buchs, nacheinem längeren, vielleicht jahrelangen Incubationstadiumund einer kürzeren vorbereitenden Meditationsperiodesich verdichtet haben und zu ihrer buchmässigen Formu-lirung drängen, gewinnen sie solche Gewalt über ihn,dass sie ihn gewissermaassen beherrschen. Die zurück-gestaute Schaffenskraft entladet sich mit leidenschaft-