—S78 -
Wie man nun auch über alle diese Punkte entscheide, so scheintuns dieser Text auf den ersten Hinblick keinen künstlerisch erwek-kenden Inhalt darzubieten. Dass vor Jahrtausenden Fremde zu Josuagepilgert sind, um sich zu seinem Gott, dem Gott Israels, zu be-kennen, kann jetzt nicht mehr das Gemülh neu und lief bewegen.Nur damals, bald nach der Erlösung des Volks und der Stiftungdes Bundes hatte es Bedeutung für die Bekenner, die den Namenihres Gottes sich ausbreiten sahen, und für die seinen Schutz Su-chenden. Während also unser persönlicher Antheil wenig berührtwird, schauen wir einstweilen gleichgültig auf jene, von denen derVers erzählt. Wer sind sie? Fremde, aus fernen Landen herge-pilgert, eben gekommen und noch ermattet von der weiten Fahrt.Hier tritt uns schon ein menschlich Bild, ein menschlich Empfindennahe; wir können die Redenden uns vorslellen , mit ihnen empfin-den, ihr müdes Herantreten weckt uns schon musikalische Vorstel-lungen. Und was hat sie getrieben zur Wanderung und ist stärkergewesen als Ermüdung und Gefahr? Der Name des unbekanntenGottes hat ihr Ohr und Gemüth getroffen, Staunen, Glauben, Hoff-nung in ihnen erweckt. Dies vollendet und erhebt die Vorstellung.Körperliches Ermüden und geistiges Erwecktsein treten in Gegen-und Wechselwirkung; hat die Komposition zunächst das Erstere (wasja zuerst bemerkt werden musste) aufgefasst, die Fremdlinge viel-leicht einzeln (nämlich in den idealen Personen der vier Chorstim-men) herangeführt, wie die Kraft eines Jeden vermochte: so kannsie nun Alle einmüthig oder zunächst wieder in Wechselrede, aberdringender, den Drang ihres Herzens aussprechen lassen. Hier istfür jeden, der menschlich fühlen und künstlerisch gestalten kann,reicher Stoff zu einem lebendigen, tiefempfundnen Chorgesang.
Ungünstiger — fast bis zur Unbrauchbarkeit oder Wunderlich-keit zeigte sich ein eben so herausgegriffner Vers aus dem zweitenBuch Samuelis, 24, 2. Mit Weglassung alles für einen Chor Un-erfassbaren und Verwandlung des ersten Wortes stellt er sich so dar:
Geht umher in allen Stämmen und zählet das Volk.
eine Foderung oder ein Vornehmen, das in sich selber keinen An-regungsmoment für den Künstler hat. Der Zusammenhang ergiebt,dass es ein Gebot Davids gewesen, der sich damit in königlichemHochmuth gegen Gottes Willen versündiget. Auch hieraus ist künst-lerisch nichts zu gewinnen; und vor allem sollte der Satz Chor,musste also die Aeusserung einer Menge, einer Schaar werden stattdes Königs allein. Nun aber: was treibt diese Schaar zu den Ent-schlüsse, das Volk zu zählen? Ist es Neugier? das wäre ein un-künstlerisches oder doch kleinliches Motiv für einen Chor. — In derUeberlieferung ertheilt David den Befehl „seinem Feldhauptmann.“