496
Am verkehrtesten scheint uns endlich jene Weise der Anleitung,die dem Schüler fremde Klaviersachen zur Umarbeitung für das Or-chester giebt. Sind sie gut gesetzt, so werden sie eben desswe-gen für Orchester nicht geeignet sein, da bei dem rechten Künst-ler die Idee das Organ bedingt und umgekehrt dieses auf dieAusgestaltung jener rückwirkt. Traf’ aber auch die Aufgabe aufgeeignete Werke, so würde doch der Jünger gerade von dem wasdie vornehmste Bedingung des Gelingens ist abgewendet; er würdenicht dahin gefördert, das Kunstwerk in seiner Einheit, Gedankenund Organ als ein Einiges gleichzeitig zu fassen, sondern förmlichgenöthigt, beide abstrakt auseinander zu halten.
Auf eine wirkliche Anleitung zum Satze scheint uns am ernst-lichsten früher Reicha und neuerdings H. Berlioz*) ausgegau-gen zu sein. Nächst reichen Mittheilungen über Tonsystem undTechnik der Instrumente weiss letzterer den Karakter auf dasTreffendste, Geistreichste, ja bisweilen mit dichterisch-lebendigerEindringlichkeit zu schildern. Dann aber tritt das Prinzip seinerKompositionsweise und seines musikalischen Standpunktes überhauptheran und giebt seiner Lehre eine Wendung, der wir — auf demStandpunkte der deutschen Kunst — uns nicht anschliessen können.Sein Standpunkt und sein Instrumentationsprinzip können mit demeinen Ausdruck homophon bezeichnet werden. Die Instrumentesind ihm nicht persönlich geworden, sie sind ihm nur ffliltel zumAusdruck dessen, was er in Melodie und Begleitung zu sagen hat.Kommt es nun darauf an, die Natur und Bedeutung eines solchenMtitels zu erkennen und in den Meisterwerken Glucks und Andrernachzuweiseu , so steht ihm die glücklichste Anschauung, die feinsteVerständniss, eine oft hinreissende Sprache zu Gebot — wie sieselten in uuserm Felde gehört worden ist**). Sobald er aber wei-
*) Kästners in Paris herausgegebnes Werk haben wir noch nicht zu Ge-sicht bekommen können.
**) Von der Geige z. B. sagt er: Das ist die wahre Frauenstimme desOrchesters, leidenschaftlich zugleich und züchtig, herzzerreissend und lieblich,die Stimme, welche weint und schreit und klagt, oder singt und bittet undträumt, oder in Freudentöne ausbricht, wie keine andre es vermöchte.“ Undvon der Flöte in Glucks Orpheus, in der stummen Scene in den elisäischenFeldern : „Anfangs ist sie eine kaum vernehmbare Stimme, von der es scheint,als fürchte sie sich gehört zu werden; dann seufzt sie leise auf, erhebt sichbis zum Accent des Vorwurfs, des tiefen Schmerzes, ja bis zum Schrei einesvon unheilbaren Wunden zerrissnen Herzens, bis sie allmählig in die Klage, indas Seufzen, in das kummervolle Murren einer ergebnen Seele zurückfällt.“Wir folgen hier der bei Breitkopf und Härtel erschienenen Ausgabe: H. Ber-lioz die Kunst der Instrumentation, übersetzt von Leibrock, in der dasWesentliche des grand traite zu fiuden ist.
i