darum mit Klavierbegleitung erscheint, weil der Komponist sich derSchwierigkeit ein Orchester zu erlangen und grosse Partituren mitErfolg herauszugeben, unterwerfen zu müssen glaubte , — kann hiernur erwähnt, aus rein künstlerischem Standpunkte nicht gerechtfer-tigt werden.
3. Form der Komposition.
Zuletzt wenden wir uns zu den Kompositionsformen selbst, diein den folgenden Abschnitten zur nähern Betrachtung und Uebungkommen.
Neue Formen (S. 459) werden in den Fällen nöthig, wenn derInhalt oder Umfang des Textes oder das Bedürfniss, neben demAusdruck des unmittelbaren Textinhalts die Stimmung und Situationauszuprägen, in den bisher (im siebenten Buche) betrachteten For-men nicht Baum und Befriedigung finden. Dies ist also — um imVoraus einen Anhalt zu finden — unter andern der Fall, wenn andie Stelle einfacher Gefühlsäusserung, wie die Liedform gab, eineEntwickelung von Gemüthszuständen, an die Stelle unbestimmterPersönlichkeiten, die Ausbildung festgezeichneter Karaklere tritt,wenn neben dem Ausdruck des Worts in einer oder mehr Stimmender Widerstreit oder die Wechselwirkung verschiedner in einerSituation oder einer Handlung zusammentreffender Persönlichkeitenzur Aufgabe wird.
Selbst die reichsten der bisher erfassten Kompositionsformen,die des fugirten Chors, der Motette u. s. w. reichen hier nicht aus;ja sie sind hier nur ausnahmsweise anwendbar. Denn sie habenes, gleichviel ob in einer einzigen Stimme oder durch alle Stimmenhindurch, nur mit dem Ausdruck des Textes zu thun und vermö-gen am wenigsten, hiervon abzugehen; wir müssen aber Formenhaben , die über diese Schranken hinauslangen und selbst neben demTexte, ja über ihn hinaus noch die Stimmung und Situation aus-zuprägen gestatten. Hierzu dienen neben den beizubehaltenden bis-herigen Formen die freiem des Rondos und der Sonate und die
zeigen uns weder auf die Stimmung der Liebenden oder Marzells, noch auf denMoment der sie vereint, irgend einen nähern Bezug.
Aber eben jene Andeutungsweise, die gleichsam durch ein herbeigetragnesStückchen Orgel den Orgelklang und die geweihte Stätte uns vor die Seele brin-gen will, scheint uns eine undichterische Unterschiebung des Materiellen an dieSteile des Geistigen, mehr klug ersonnen als künstlerisch erfunden, und dabeiIbeuer erkauft durch das Schweigen des beredsamen Orchesters; es ist die fal-sche Poesie der Materie. — Eine Taufe wird darum nicht heiliger undwirksamer, weil man sie mit achtem Wasser aus dem Jordan vollzieht, hätteauch der Legitimitäts-Don Quixolte Chateaubriand es eigenhändig geschöpft.Vielleicht aber haben wir uns in der Auslegung des Satzes geirrt.