Druckschrift 
4 (1851)
Entstehung
Seite
23
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haupt die Subjektivität das persönliche Leben ist fti dem letztenhalben Jahrhundert zu entschieden zum Selbstbewusstsein und zurGeltendmachung gelangt 5 der Ideenkreis der Kunst ist damit zu weitund frei geworden, als dass sich das alles unterdrücken und ver-gessen Hesse. Und doch findet es auf der Orgel nicht den rechtenund genügenden Ausdruck. So ist denn der Komponist unsrer Zeitbald genöthigt, den liebsten und eigenthiimlichsten Inhalt seines Le-bens zurüekzuhalten oder zurückzuweisen, oder er tritt im Aus-druck desselben in Widerspruch mit dem Instrument, das zu mächtigist, sich unterdrücken oder zu fremden Zwecken ungestraft brauchenzu lassen*).

Aus denselben Gründen aber ergiebt sich nun der positive Ka-rakler des Instruments. Indem es die persönlich-gemüthlichen, denWechsel des individuellen Lebens an sich tragenden Stimmungen undAusdrücke entbehrt und in sich selber abgeschlossen und unabänder-lich fest, unwandelbar dasteht, ist es der rechte Ausdruck für dieKirche, in ihrem Gegensätze zum weltlich - menschlichen oder indi-viduellen Leben. Sie spricht die von jeder Rücksicht auf die Per-son freie unabänderliche Satzung aus, gelte es nun dem Ausdruckder allgemeinen Feierlichkeit, Herrlichkeit, Macht der Kirche, oderden typischen Ausdruck einer der besondern Vorstellungen oderStimmungen, die im Verlauf des kirchlichen Lebens zur Sprache zubringen sind; sie ist das dogmatische Instrument, so festund unabänderlich und rücksichtslos, wie das Dogma; sie ist derrechte Diener der Kirche, und wahrlich ein würdiger Diener deshohen Herrn. Das ist sie ganz, und hiermit ein mächtiges und reichesWesen; ein Andres kann sie nicht sein. Sie gleicht hierin demgothischen Kirchenbau , der Stätte ihrer Geburt und ihrer grösstenThaten.

ausgebreiteten Formen unsrer Periode ihr anzueignen mit voller Erkenntniss ihresWesens und Vermögens. Ein solches Streben ist gewiss ein künstlerisches und führtsicherlich sollte sich auch das Metall der Orgel allzuspröde bezeigen seinenLohn für Künstler und Kunst mit sich. G ö t h e sagt:

Auch dieses Wort hat nicht gelogen:

Wen Gott betrügt, der ist wohl betrogen.

Wir dürfen nie abschliessen.

) Nur a n di ch te n lässt sich der Orgel ein inniges , gemülblich - persönlichesGefühl, und auch dies nur in begränztern Aufgaben. Der Art sind einige Choral-figurationen von Seb. Bach, z. B.Schmücke dich, o liebe Seele und dasmystische, träumerisch-seelenbewegteDasaite Jahr vergangen ist. Zu den gefühl-vollen Weisen, die sich hier zusammenweben, bietet die Orgel zarte, süsse Stimmen.Aber sprechen diese Stimmen das innig vom Tondichter Gefühlte und Ersonneneinnig, mit eignem lebendigem Gefühl aus ? Unmöglich. Man singe nur irgend eine derStimmen (oder geige sie) mit hingegebner Seele so wird man gleich fassen, wieviel von dem Gefühlten wie gerade das bewegte quellende Leben des Gefühls aufder Orgeltaste eingebiisst wird.