XXIX
der Deutschen Sprachbildung überhaupt, so daß von der Wurzel und dem Stamme eines Wor-tes bis zu den äußersten Zweigen, Blättern und Blüten eine manigfaltige Abstufung des Tonshervorgeht; d. h. die Stärke oder Schwäche dieser Lonreihe bestimmt sich durch die Stärkeoder Schwäche der Bedeutung in selbständigen Wörtern (Nomen), mit ihren Ableitungs - undBiegungssylben und Vorsylben, und in Berbindungswörtern (Partikeln): welche, wenn siesämmtlich einst auch selbständige Bedeutung hatten, dieselbe jedoch meist nicht mehr deutlich er-kennen lassen und sie fortwährend noch abschwächen. Solches erhellet besonders an den Vor-sylben, die sämmtlich eigene Bindungswörter der Raum- und Zeitverhältniffe (Präpositionen)waren, aber mit der Volltönigkeit (bis auf wenige Ueberbleibsel: Urlaub — Erlaub,Arbeit, Antwort), zugleich die Betonung eingebüßt haben; welche letzte auch mehrere jenerBindungswörter in Zusammensetzungen verlieren, oder behalten, je nach der schwächeren (über-tragenen, abgezogenen) oder stärkeren (geraden, sinnlichen) Bedeutung (übersetzen: über-setzen), und damit noch andere Unterschiede der Biegung und Fügung annehmen*); so wieüberhaupt bei allen möglichen Zusammensetzungen dieser Wörter die jedesmalige Bestimmungden Ton und die Stelle angibt**). Diese so manigfaltige und feine Abstufung des Tonsdurch die Bedeutung, welche zuerst Moritz richtig erkannte, und in Rom 1787 Goe-the'n einleuchtend vortrug, was dieser als Dichter längst übte, ist immer schärfer hervorge-treten, jemehr die Sprache die vollklingenden und vielsylbigen Bildungen abschliff, und an be-griffsmäßiger Bestimmtheit gewann, was sie an poetischer Gestaltung im antiken Sinne verlor.Aber gerade in diesem völligen Gegensätze der logischen Lonbestimmung der Redetheile gegendie davon unabhängigen antiken Maaße und Accente entstand jenes eigenthümliche Ersatz-mittel dieses Maaßes, wodurch die Deutsche Sprache fähiger und geschickter ist zur Nach-bildung antiker Versmaaße, als alle ursprünglich näher stehenden Romanischen Sprachen, diewegen ihres nicht durch die Bedeutung, sondern durch die Stelle im Worte bestimmten Tones,mehr nur Sylbenzählung haben, mit Accenten an gewissen Stellen, so wie im Reime.Dagegen, in der Deutschen Sprache die Folge der durch die Bedeutung so manigfaltig abgestuf-
*) Sie nähern sich so den Präfixen, wie selbst manche in Zusammensetzungen wiederkehrende Adjec-tiva: vollkommen, vollenden, allweise, allwissend u. s. w., wo im Nachdrucke die richtigeBetonung eintritt. Ebenso reißen mehrere mit l ich und ig gebildete Adject. den Ton an sich, ursprüng-lich, leibhaftig u. a. Mit dadurch entstand auch das nicht alte, alleinstehende lebendig. Es zeigt sichhier, und sonst schon, Neigung zum eintönigen Accent, wie wirklich bei den aus dem Romanischen her-rührenden Substant. auf ei durchgedrungen ist: Vogtei, Schäferei, Liebelei rc. — Jahrhundert,Jahrzehend rc. ist der Jahre Hundert, Zchend rc.
**) Der Redeton beruht zwar im Allgemeinen, in der gleichmäßigen Rede, auf demselben Grunde,wie der durch die Redetheile bestimmte Wortton, und erhöht ihn noch: durch Hervorhebung des Unbe-deutenden, Tonlosen stört er jedoch denselben.