Borbevicht.
Unter der Benennung Minnesinger versteht man herkömmlich die lyrischen Dichter des ritter-lichen Mittelalters; bedeutsam genug, weil die Minne zugleich die beiden Hauptrichtungen dieserSinger, die himmlische wie die irdische Liebe, umfaßte. Im weiteren Sinne begreift man unterMinnesingern auch wohl sogar die erzählenden Dichter jener Zeit; und wie dieselben häufigbeides in sich vereinigten, so geht ursprünglich auch epischer Helden- und Rittergesang undlyrischer Minnesang aus Einer Duelle hervor. Das Germanische Heldenlied ist von jeher derlyrischen Darstellung näher verwandt, als etwa das antike Epos, und hat mit ihr auch diestrophische Form gemein, wie noch die aus eben diesem Geiste hervorgegangene Romanze undBallade. Einige dieser Formen sonderten und eigneten sich zwar durch ihre Einfachheit vor-züglich für das Helden- und Rittergedicht: aber, wie es diesem nicht an künstlich gebautenStanzen fehlt (z. B. die Berners- oder Herzog Ernsts-Weise), so werden auch die einfachenepischen Weisen, nicht selten von den lyrischen Dichtern gebraucht, namentlich die Nibelungen-stanze. Vor allen bewegen sich in dieser Weise noch die älteren Minnesinger, gleich ihr Rei-genführer Kaiser Heinrich, dann Reimar der alte, Kürnberg, Eist, Riedenburg, Sevelingen,Walther u. a., in welchen Liedern auch meist zugleich noch ein epischer oder romanzenhafterInhalt zu dieser Stanze stimmt; so wie ihre kühne, abgerissene, die innere Ergänzung anmu-thende Darstellung selbst in dem ausgebildeten großen Heldengedichte, namentlich im Nibelun-genliede, noch hervortritt. Nach der andern Seite umfaßt die lyrische Form auch den betrach-tenden, lehrhaften Inhalt, in einzelen Strophen, wie in längeren, erzählenden Darstellungenund in Gesprächsweise; ja, die dramatische Darstellung erscheint hier, zwar auch noch in er-zählender Fassung, doch schon ganz deutlich in den poetischen Turnieren der Dichter, in ihrenWettkämpfen um den Preis der Fürsten, um Weisheit und Kunst.
Alles dies, wie es nicht allein durch die strophische Form, sondern auch innerlich zu-sammengehört, enthielten die alten Sammlungen lyrischer Gedichte, und wird daher auch ineiner neuen Sammlung erfordert. Diese umfaßt also, außer den eigentlichen Minneliedern,geistlichen und weltlichen, alles, was in den angedeuteten manigfaltigen Richtungen, Verbindun-gen und Ausweichungen in strophischer Form oder in strophenähnlichen Sätzen (wie die Leiche)