in ihnen geübt und im evang. Choral- und Orgelbuch Gelegenheitgenommen*), jeden derselben anzuwenden. Er will auch nichtleugnen, dass ihn vielleicht die Sorge mit bestimmt hat, den Scheinder Unvollständigkeit zu meiden. Allein wenn man das nicht Mit-theilungswürdige festhält, um dem Vorwurfe der Unvollständigkeitzu entgehn, so ist das nur eine Schwäche, die der Verf. hiermitbekennt und abthut.
Der Hauptgrund, die Kontrapunkte der None u. s. w. aufzu-geben , ist der: dass ihre Abfassung eine durchaus unkünstlerischeArbeit ist, nämlich an soviel Bedingungen geknüpft, dass dem Kompo-nisten fast kein freier Schritt übrig bleibt, sondern fast jeder Punktvorausberechnet oder nach vorgeschriebnen Bedingungen gethanwerden muss. Diese Bedingungen können leichter oder schwerer,fasslicher oder minder fasslich dargeslellt werden (Marpurg —in seiner Kunst der Fuge — hat darin seine Vorgänger überlrofl’en,der Verf. hat ebenfalls Erleichterungen versucht) aber sie bleibenunerlässlich und unverträglich mit der dem Künstler nölhigen Frei-heit. Der Beweis ist in den frühem Ausgaben (S. 455 der zwei-ten) oder in Marpurg zu finden.
Der nächste wichtige Grund ist dann der, dass diese Kontra-punkte, wenn man sie ausführt, keine Frucht bringen, als solche,’die man auf leichterm Wege eben so gut und besser erlangen kann.Sie gewähren im Wesentlichen eben auch nur den Vortheil derUmkehrung: einen zwei- oder mehrstimmigen Satz durch Versetzungder Stimmen umzugestalten und doch in seinen Elementen (demInhalt der Stimmen) beizubehalten, also Einheit mit Mannigfaltigkeitzu verknüpfen. Allein dieser Vortheil wird nicht einmal so reinerlangt, wie bei dem Kontrapunkt der Oktave, weil der Stimm-inhalt nicht so treu und klar festgehalten wird.
Endlich ist aus der Uebung dieser Kontrapunkte nicht einmaleine Förderung oder Kräftigung des künstlerischen Vermögens zuerwarten, so dass man sie wenigstens als pädagogisches Hülfsmitlelgebrauchen könnte. Sie verleiten vielmehr zur Künstelei, weil sienur auf ihr und Berechnung beruhen. Sie trifft das Wort desDichters:
*) Bei der diesem Choralbuch gestellten Foderung, zu mehr als 200 Cho-rälen, die sich an Stimmung und Inhalt grossentheils gleichen müssen, eigneVorspiele zu geben (und zwar in beschränkter Frist und — was ein vollstän-digeres Gelingen fast unmöglich machte — in beschränktem Raume) musste derVerf. sich Vorhersagen, dass es ihm nicht gegönnt sein würde, von jedem ein-zelnen Choral tiefer angeregt zu werden. Dies führte auf den Vorsatz, dieunbegüostigtern Momente der Aufgabe dazu wahrznnehmen, alle irgend künst-lerischen Formen von der einfachsten bis zu den kombinirtesten zum Schmuckder Kirche zu versammeln.