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Ludwig van Beethoven.
Dieser ausserordentliche Mann hat einen eigentümlichen Ent-wickelungsgang genommen. Früh komponirend scheint er erst inseinen zwanziger Jahren*) zu einem ernstlichen Unterricht unterdem verdienten Albrechtsberger gekommen zu sein. Dem geist-reichen, tieferregten Jünglioge wollten die kontrapunktischen undFugenübungen, die der Lehrer ihm nach althergebrachter Weisetrocken genug auferlegle, wenig behagen**); dennoch arbeitete erfleissig und eifrigst sich durch. Allein es war natürlich, dass das,was seiner Seele innerlichst eingeboren, was der Herzpunkt seinesWesens war, dass seine schwärmerische Empfindung sich gegen dieunlebendig überkommnen Formen des Kontrapunkts spröde verscblies-sen musste; und so waltet in der ersten Hälfte seiner Künstlerlauf-bahn das homophone Element durchaus vor.
Nun aber war er immer tiefer in das geheimnissvolle Lebender Instrumentenwelt gedrungen, immer weiter dehnte sich derinnere Gesichtskreis, immer umfassender wurden seine Ideen undEntwürfe, immer gestaltvoller und lebendiger die geheimen Stimmenin und um ihn herum. Und so gewann auch Polyphonie immermehr die Vorherrschaft, und zuletzt, eben in der höchsten Periodeseines Lebens, ist es dem Meister kaum möglich, anders, als inreichster Stimmlebendigkeit zu reden, drängt es ihn überall zurFuge hin, selbst wo es (wie im ersten Satz der Cmoll-Sonate,Op. 111) gar nicht zur Fugengeslalt kommt. Ja es scheint, alswenn sein oft wehmuthvolles, oft wieder übergewaltig erregtes,stets mystisches Sinnen sich mit den Mysterien dieser eignen Formgern und innig verschmolzen, und den seltnem Wendungen der Ver-kleinerung, Verkehrung u. s.w. ***) mit Vorliebe naebgehangen habe.
Dabei kommt aber nun jener langeingewohnte, in allen frühemKompositionen grossgezogne Hang in Mitwirksamkeit, sich seinem
*) Vergl. s. Biographie v. Verf. im Universallexikon der Tonkunst.
**) Vergl. ßeethoven’s Studien u. s. w. heransgegeben von Seyfried beiHaslinger in Wien.
Ergötzlich sind die Stossseufzer, die bei der trocknen Arbeit Beethovenentpresst wurden UDd als Randglossen im Manuscripte hängen blieben. Bei denzweistimmigen Fugen, mit denen, in dürftigster Gestalt, nach gewohnter Artangefangen wurde, bemerkt Beethoven: „Kann mir nicht helfen; so ein zwei-beiniges Skelett gemahnt mich an die saft- und kraftlose Wassersuppe an Qua-temberfesten“; und weiter: „Vor der Hand heissts als« in einen säuern Apfelheissen und mit dem langweiligen Pas de deux sich abstrappezieren.“ — Dem-ungeachtet hat er treu zwei Jahre lang fortgearbeitet und zu jedem Lehr-sätze fünfzig bis sechszig Beispiele gesetzt.
**"') So im Finale der y/sdur-Sonate, Op. 110. Vergl. ihre Anzeige in derBerl. allg. mus. Ztg. Jahrg. 1. 1824) No. 10. — Im vorliegenden Buche s. dasThema N. 518.