Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
594
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wohl bisweilen nicht die Zeit liess, ihr ganz, zu höchster Vollen-dung des Werkes, genug zu thun.

So ist zu begreifen, warum wir in seinen Oratorien sovielFugenarbeit, und verhältnissmässig so wenig voll und reich ausge-fiihrte Fugen antreffen. Ueber keines dieser Tonstücke kann an-ders, als mit scharfer Rücksicht auf seine Stelle und alle Verhält-nisse, geurtheilt, keins kann daher (wie wir zum Theil schon aneinem Beispiele S. 556 gesehn haben) ohne dieses vorgängige Ur-theil dem «länger Muster für Fugenarbeit sein.

Als Belag diene uns sein ausgedehntestes und bekanntestesOratorium, der Messias. Ueberall, vom Allegro der Ouvertüre fastdurch alle Chöre hindurch, macht sich Fugenarbeit geltend, wäh-rend nur zwei Chöre (,, Durch seine Wunden sind wir geheilet,und ,,Er trauete Gott) Fugen und obwohl trefflich und durch-aus befriedigend an ihrer Stelle auch sie in Hinsicht auf Fugen-arbeit nicht reich zu nennen sind. In einem dritten Chor, demzum Schluss gesungnen Amen, tritt Händels Verhältnis zur Fu-genform, wie wir es oben angedeutet, in das hellste Licht. Nichtshätte der reichsten Ausführung im Wege gestanden, wenn nichtvielleicht die Rücksicht auf die sehr grosse Ausdehnung des ganzenWerks; eine Rücksicht übrigens, der sich Händel wenig unterwarf.Und wie führt er seinen Chor? Nach der ersten Durchführung wirdauf der Dominante mit vollem Chor geschlossen. Darauf führenbeide Geigen, wieder auf Tonika und Dominante, zehn Takte langdas Thema durch, und nun bricht der ganze Chor mit vollem Or-chester ein, das Thema im Bass auf der Tonika; dasselbe wieder-holt sich nach einem Zwischenspiel der Geigen von zwei Taktennoch einmal auf der Dominante. Es kommt zu keiner regelmässi-gen Fugirung mehr: aber jene beiden Schläge sind es, die Händelgewollt und mit denen er als mit einer Riesenfaust getroffen hat.Von da figuriren die Stimmen im lebendigsten Dialog gegen einan-der, greifen auch gelegentlich wieder nach dem Thema, und amEnde ziemt dieses freie eigenmächtige Schalten dem Manu und demSchluss seines weiten Werks am Besten.

In der Erwägung nun, dass die Oratorien*) so wenig unbe-dingte Vorbilder für Fugenbau bieten, sind bei Traulwein in Berlin,, sechs Fugen und ein Capriccio von Händel herausg'egeben wor-den, von denen nur drei in der Nägelischen Ausgabe HändelscherKlaviersuiten in Deutschland gedruckt worden waren. In diesenSätzen hat Händel sich der Form unabgezogen widmen können undsein hohes Talent und Geschick reich in ihr bewährt. Aber auchhier liegt es ihm näher, seiner augenblicklichen Stimmung und Ab-

*) Am fugenreichsten ist das gewaltige Israel in Aegypten.