ist zu rathen, nicht die Werke Vieler durcheinander zu studieren,sondern von einem Meister zum andern erst dann zu schreiten,wenn er sich im Ideengang und Styl des erstem bereits tieferund fester ansässig gemacht hat.
Es ist natürlich, dass vom Altmeister Seh. Bach sich dieBlicke zunächst auf seinen grossen Zeitgenossen
Georg Friedrich Händel.
wenden, den ersten Meister im Oratorium. Dieser Tonheld — wieman ihn nach seiner Weise nennen könnte — bildet einen eigen-thiimlichen Gegensatz zu Bach, im Leben wie im künstlerischenWirken. Früh zu kirchlicher Komposition angeleitet, verliess er mitdem Vaterhause die stille Laufhahn und warf sich mit lebensfrischemWeltsinn und gewaltigem Ehrgeiz in das Fach der damals herr-schenden italischen Oper. Sein halbes Leben brauste er so fort imGewoge ruhmdürstigen, mächtig bewegten und umdrängten siegvol-len Hingens. Erst nach zweimaliger entscheidender Besiegung aufder erwählten Bahn, durch unwürdige Rivale verdrängt, wandte ersich der kirchlichen Komposition, und zwar dem Oratorium, wiederganz zu; manches kirchliche oder sonst untheatralische Werk ent-stand auch in seiner Opernperiode.
Nun erst entfaltete Händel’s eigner Geist seine Fittige. Tita-nische Kraft, unbeugsames Wollen und dabei die süsseste Zartheiteiner reinen innigst beseelten, des tiefsten Empfindeus vollen Na-tur, — das und eine tüchtigst geübte Hand brachte er zu ■ demneuen Tagewerke. Es muss erwogen werden, dass auch die Zeitdrängte *), und dass sein ganzes Leben ihn zu einem rasch ent-scheidenden Eingreifen erzogen, von der stillen Beschaulichkeit derBach’schen Laufbahn weit abgelenkt hatte. So erwuchsen seineOratorien mit den frommen süssen Arien, mit den Schlagmomentenseiner Chöre. Scharf blickte er in jedem erhobnern Augenblicke(denn Manches fiel auch als Zeitopfer der Manier anheim) auf dashin, was er eben hier wollte, und auf diesen Willenspunkt beugteer alle Kräfte und Mittel und Formen, kraft der dem Künstler aller-dings zustehenden Eigengesetzlichkeit. Wenn nun dabei, nach allenVerhältnissen des Mannes nnd seiner Aufgaben, in den Chören sichoft, fast überall, die lebendigste Dramatik entfaltete: so verstehtsich von selbst, dass neben den andern Nachahmungsformen auchdie Fugenarbeit sich aliaugenblicklich melden und regen musste; esist aber auch begreiflich, dass Händel rasch bereit sein musste, dieFugenform nach den Ansprüchen des Moments, oder seiner Stim-mung zu beugen oder gar zu zerbrechen, und dass er sich auch
*) Vergl. seine Biographie vom Verf. im Universallexikon der Tookunst.Marx, Komp. L, 11. 3. Aull. 38