Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
185
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18 S

Rückblick.

Passen wir jetzt einmal zusammen, was uns in den bisherigenAbtheilungen geworden ist: so sehen wir

1. aus der einfachen Periodenform

des ersten Buchs eine Reihe freier Liedformen entwickelt, die unsdie mannigfachsten und reichsten Aufgaben bieten. Eben so haben wir

2. aus der einfachen Choralbehandlung,

wie sie das zweite Buch lehrte, die vielfältigen und reichen For-men der Choralfiguration gewonnen.

In den Liedformen lag der erste Trieb, sich abzuschliessen,daher wir bei dem Hinausgehen über die Periode (oder die aus ihrunmittelbar gebildete Zweitheiligkeit) schon empfinden mussten, dasshier für das Erste nur ein Aueinanderreihen verschiedner, ein-zeln für sich abschliessender Sätze, nicht mehr eine wahrhaft einigeKomposition erreichbar sei. Wenn wir später uns die Kraft undKunst erworben haben, verschiedne Sätze zwar selbständig abzu-runden, doch aber auch wieder zu verbinden zu einem grossemeinheitsvoll geschlossnen Ganzen: dann wird die Liedform uns zugrossem und reichern Formen leiten; wir werden sie am ausge-bildetsten in der Instrumentalmusik finden.

In den Figurationen herrschte der Trieb, jede Stimme zu selb-ständigem Gesang auszubilden; äusserlich war uns die Liedformgleichsam als Grundriss für unsern polyphonen Stimmbau gegeben.Jener Grundtrieb der Figuration trat uns als die erste polyphoneMacht, als ein neues und unermesslich reiches Element der Musik,ja als Fingerzeig in die höchste Geslallenreibe derselben nahe. Wirahnen schon, dass die vielseitigsten Aeusserungen dieser tonkünst-lerischen Macht uns in den eigentlich vielstimmigen Instrumental-und Vokalformen entgegenlrelen werden, besonders in den letztem,in denen wirkliche menschliche Persönlichkeiten, die mit oder gegeneinander auftretenden Stimmen des Singchors, nicht blos die idealenoder phantastischen Personen des Orchesters sich bethätigen.

Als verbindendes Mittelglied können wir hier schon eine Schö-pfung Seb. Bachs nennen, um die uns schon wichtige Form derFiguration in noch höherer Anwendung und gesteigertem Werlhe zuzeigen. In seiner Motette (Breitkopfsche Ausgabe) über den Cho-ral:Jesu meine Freude wendet Bach die zur Liedform zurück-gekehrte Figuration, wie wir sie in No. 256 bis 258 gesehen, aufden Chor au'). In einem fünfslimmigen Chor (zu den Worten:

) Wie er anderwärts, in der Motette:Singet dem Herrn ein neues Lieddie kirchliche Form vom Choral mit Zwischenspiel in einem doppelchörigen Satzedarsteltt; der eine Chor trägt den Choral vor, der andre Zwischensätze, gleieb-sam gesnngne Zwischenspiele.