eigentümlichen Wesen durch den Inhalt des frommen Liedes an-geregt, oder — da und dort her erweckt auf die liebe bekannteWeise hingelenkt und an ihr zusammengeführt, gestaltet wordensind. Die Choralmelodie herrscht durchaus, und ungeachtet ihrerVerwandlung sind die Strophenschlüsse noch fühlbar (sogar durchRuhezeichen angedeutet), ja es macht sich nach der ersten Strophenoch ein Zwischenspiel in gewohnter kirchlicher Weise herbei.Die andern Stimmen, obgleich jede karaklervoil und melodisch aus-gebildet, ordnen sich als Begleitung unter.
Es ist merkenswert, wie Bach auch hier vom Näehslnölhigenausgehl und so vom Einfachsten beginnend bis zu dem vollsten undreichsten Ausdruck seiner Idee fortschreilet mit nimmer nachlassen-der Treue und Kraft. Die erste Begleitungsstimme schleicht stillherbei, gleichsam zwischen dem trübem b von Zhnoll und dem rei-nem, zartem dorischen h ungewiss, — oder auch nur durch dennachhängenden heimlichen Sinn, der sich durch das Ganze aus-spricht, in die chromatische Weise gebracht. Diese Weise — wiesie nun auch in die Seele des Komponisten gekommen sei — wirdnun das durchaus bis zu Ende herrschende ßegleitungsmotiv, ob-wohl schon in der ersten Strophe sich ein blühenderes Leben imAlt regt. In der dritten Strophe dringt das chromatische Motivsogar in die Hauplslimme; ■— und nun sehe man, wie sich dage-gen der Tenor aus der ihm unzusagenden Tiefe überschwenglichaufschwingt, und von da an das Ganze wie neu durchgeistet ist! —Derselbe Sinn spricht hier in freierer reicherer Weise, den wirschon im ersten Theile S. 539 an der Bach’schen Tenorführung inbeschränkterer Form nachgewiesen haben. —
Es wird dem Schüler von grossem Nutzen sein, sich in einersolchen — man könnte sagen: den Choral auslegenden
Weise zu versuchen; dies kann in Hinsicht auf edlere Ausführungder Melodie höchst fördernd, muss schon um des nächsten Resultats,um des neuen Werks willen, das damit gewonnen wird, erfreulichwerden. Nur bedenke man, dass hier nicht mehr Grundformen voruns stehen, sondern abgeleitete und Uebergangsbildungen, die zwi-schen einer und der andern Grundform mitten inne stehen. Hierinspricht sich sogleich ein individueller Karakter aus, der denn auch eineeigne Stimmung fodert. Wenn wir daher bei allen allgemeiuern For-men darauf dringen, dass der Schüler nicht zu ängstlich auf besondreStimmung warte, sondern die Aufgabe in vervielfältigten Arbeitennach allen Seiten und Stimmungen hin ausbeute: so ralhen wir hier,dass er nicht ohne besondre Vorliebe für einen Choral und keinen-falls ohne besondre Anregung und Stimmung an das Werk gehe *).
*) Hierzu der Anhang Ci,