Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
99
Einzelbild herunterladen
 

99

Die beiden Bestandteile unsers künftigen Werks wollen wirsauber auseinander halten. Die den Cantus firmus VortragendeStimme soll sich nur diesem widmen, nicht an der Figurirung tbeil-nchmen; die Figuraistimmen sollen den Cantus firmus nicht kreu-zen und stören. Dieses Verhalten wird uns vor Allem Klarheitder Arbeit sichern; wir wollen es vorerst unbedingt wahrnehmen,und auch später nicht davon abgehen, als aus bestimmten Gründen.

Wie jede Melodie aus einem Motiv hervorgeht, so brauchenwir auch für unsre Figuraistimmen ein Motiv; entweder für jedeein besondres, oder für alle ein und dasselbe. Wir wollen vorerstdas Letztere, als das Einfachere und Einheitvollere wählen. DiesesMotiv wollen und müssen wir Anfangs um so einfacher bilden, daes in Unter- und Mittelstimmen , beschränkt von den umgebendenStimmen, eingeführt werden soll. Wollten wir ihm zu weiten Ton-umfang, z. B. grosse Intervalle oder weite Gänge geben; so würdees die andern Stimmen kreuzen und verundeutlichen, oder sie zuweit aus einander drängen. Wollten wir ihm zu grosse Länge,zu viel Töne geben, so würde unsre Arbeit beladen und zu weitausgedehnt; auch würde der Abstand zwischen dem Motiv und demInhalt der andern Stimmen zu gross. Uebrigens wissen wir jaschon, wie viel sich einem selbst höchst einfachen, ja einem längstund vielfach angewendeten Motiv durch umsichtigen Gebrauch abge-winnen lässt.

Hiermit sind wir zur Arbeit ausgerüstet. Wir stellen uns nun,Strophe für Strophe, die Melodie mit der ihr gebührenden Harmo-nieanlage vor, oder notiren letztere förmlich, jedoch mit dem Vor-behalt, wo es uns gut dünkt, von ihr wieder abzuweichen. Dannführen wir das Motiv in derjenigen Stimme ein, die am geeignet-sten dazu scheint, geben es darauf der zunächst geeigneten Stimme,endlich der dritten und führen die andern dagegen fort. Das Motivist nun (für das Erste) offenbar der Hauptinhalt der Figuralslim-men; alle übrigen müssen sich also derjenigen Stimme unterordnen,die eben das Motiv vorzutrageu hat, dürfen aber dabei nicht auf-hören, ihre Melodien möglichst vollkommen auszubilden.

Wir haben oben uns einstweilen vorgesetzt, das Motiv in derjedesmal geeigneten Stimme einzuführen. Können wir dabei einegewisse Ordnung festhalten, z. B. mit dem Motiv von der höchstenzur tiefsten Figuraistimme, oder umgekehrt fortschreilen: so wirddies innerhalb der Figurirung selbst grössere Konsequenz, bestimm-tere Richtungen, wirksame Ordnung zu Wege bringen. Doch darfdies nicht in peinliche Regelmässigkeit ausarten. Namentlich wollenwir uns hüten, aufeinanderfolgende Strophen in derselben Weise,z. B. jedesmal von der höchsten Stimme beginnend, zu bearbeiten;

7 *