Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
98
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Choralsatz einen polyphonen zu machen. Was wir dann am Cho-ral gelernt haben, werden wir leicht auch anderweit anwendenkönnen *).

Erster Abschnitt.

Die einfachste Figuration des Chorals.

Schon bei der Festsetzung unsrer Aufgabe ist uns klar ge-worden, dass unser Werk zwei Bestandtheile enthalten wird: diegegebne Choralmelodie und die figurirten andern Stimmen. Wirkönnen aber nicht mehr die Choralmelodie vorzugsweise als dasWesentliche des Ganzen ausehen, so theucr sie uns auch, schonvermöge ihrer kirchlichen Bedeutung, sein mag; denn die andernStimmen sollen ja ebenfalls wesentlichen Inhalt bekommen, undzwar einen nicht durchaus vom Cantus firmus abhängigen, sondernvon uns frei gewählten oder gebildeten. Dies unterscheidet unsrejetzigen Arbeiten, so gering sie auch anfangen, so sehr sie auchAnfangs mit den Gränzen der frühem zusammenlaufen mögen, we-sentlich von den frühem.

Wir beginnen, wie immer, so einfach wie möglich.

Zu unsrer Aufgabe nehmen wir also einen Choral; es ist An-fangs rathsam, eher kurze, als lauge Melodien zu wählen, damitdas Ganze, das sich ohnehin unter unsern Händen mehr und mehrerweitern wird, sich nicht zu sehr ausdehne. Den Cantus firmuslegen wir vorerst in die Oberstimme, die Zahl der übrigen Stim-men, die wir ihrer Aufgabe gemäss Figuraistimmen nennenwollen, setzen wir, wie sonst, vorerst auf drei fest. Jede Cho-ralstrophe behandeln wir, ebenfalls wie bisher, als ein geschlosse-nes Ganze, das mit allen Stimmen einsetzt und mit allen schliesst.Allerdings sind hierin die figurirten Stimmen dem Cantus firmuseinstweilen doch noch untergeordnet; sie müssen ihre Melodiennach seinen Anfängen und Schlüssen einrichten.

*) Die Figuralformen können allerdings auch auf weltliche Melodien allerArt angewendet werden und kommen daher auch später (Tb. III) bei der Varia-tion u. s. w. wieder in Betracht. Allein selten ist hier ihre Ausübung so be-günstigt und so wohlangewendet. Die weltlichen Melodien nehmen meist einenfreiem, eigenthümlichern, namentlich rhythmisch bedeutsamem Gang und bietendarum für die gleichmässige Entwickelung der Figuration keinen so sichern An-halt, werden auch durch den Andrang so anspruchvoller Nebenstimmen, wiedie Figuration in ihrer vollen Entwickelung ausbildet, leicht beeinträchtigt, sodass Eins das Andre stört.

Doch mag man gelegentlich, bei einfachem Melodien, eine Anwendung leich-ter gehaltner Figuration versuchen.