Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
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Erste Abtlteilung.

Die freie Liedform.

Jedes Tonstück, das ein- oder mehrstimmig nur eineneinzigen Gedanken, ' oder^ nur einen Hauptgedanken in

Satz-Perioden zwei- oder dreitbeiliger Form in sich fasst,

bezeichnen wir (Th. I, S. 75) mit dem Namen Lied, gleichviel,ob es für den Gesang bestimmt ist, oder nicht. Wir müssen unsschon dieses Ausdrucks in Ermangelung eines passendem bedienen,obwohl er bekanntlich in der Sprache des gewöhnlichen Lebenszunächst eine bestimmte Klasse von Gesängen und Gedichten be-zeichnet *).

Wir haben diese Form bekanntlich schon im ersten Theile be-nutzt, aber mehr zu Lehrzwecken oder zur Ermunterung des Sin-nes. Jetzt wollen wir ihr wirkliche Kompositionen abgewinnen,sie also um ihrer selbst willen und zu Kunstzwecken gebrauchen;und zwar soll dies mit Benutzung aller Mittel und sonstigen Er-gebnisse des ersten Theils geschehen. Es wird also der sichre Be-sitz seines ganzen Inhalts vorausgesetzt, und wir werden zwarwieder tief unten, mit den geringsten Mitteln beginnen, auchAnfangs ziemlich langsam fortschreilen, nachher aber um so mehrdem ergänzenden Fleisse des Schülers überlassen dürfen*).

Die Liedform kann entweder für reine Kunstzwecke, um inihr eine Komposition zu bilden, benutzt werden, oder sie kann sichfremden Zwecken widmen, z. B. um als Marsch oder Tanz eineHandlung oder Bewegung zu leiten und zu begleiten. Im letztemFalle wird die Komposition auf die Art der Bewegung und denSinn der Handlung eingehen, also einen voraus bestimmten, vonaussen gegebnen Karakter annehmen und durchführen müssen. Imerstem Falle wollen wir die Komposition das freie Lied nennen.

') Die (nach der Festsetzung dieses Formnamens im obigen Sinn in der er-sten Ausgabe des Lehrbuchs von mehrern Komponisten herausgegebnenLiederohne Worte gehören nur theilweis unter den Begriff der Liedform; zumTheil haben sie Rondo- und noch andre Formen, die der dritte Band des Lehr-buchs abhandelt. Dasselbe gilt von den Kompositionen gleicher Tendenz, diefrüher unter dem Namen Divertissemens, Bagatelles (wir erinnern an die ge-nialen Nouvelles bagatelles von Beethoven) herausgegeben worden.

*) Besonders förderlich werden uns die iin ersten Theil angestellten Uebun-gen in der Begleitung gegebner weltlicher Melodien (S. 389 u, ff.) sein.