höht die Kraft, Fremdes zu Verwirrung Drängendes lern zu haltenund jeden Keim nach seiner Weise aufzuzieheu und sich vollendenzu lassen.
Und hier tröste sich der feurige Jünger der Schmerzen, dieihm die Folgsamkeit gegen die Formlehre allerdings auferlegt. Wieoft möchte sich ein lebendiger empfundenes Motiv gern ganz woanders hinwenden und ausbreiten, als die eben jetzt gebotene Formwill und erlaubt! Wie oft möchte sich in den Figurationen undFugen eine lebhaft empfundene Stimme selbständiger ergehn undvollenden, während die Form unnachlässlich — und hier für dasaugenblickliche Gefühl des Schülers sogar störend — ganz Andres,Hinwendung oder Rückkehr auf die übrigen gleich berechtigtenStimmen fodert!
Hier muss nun in der That die Form augenblicklich als Fesselempfunden werden. Allein nur das willkührliche, zuchtlose Ver-langen fühlt sich in uns durch Vernunftnolhwendigkeit gefesselt;die Entfesselung würde in jenes chaotische Treiben zurückfübren.Der zuchlvolle Geist begreift, dass die Form nichts nimmt, son-dern eine bestimmte Gestalt giebt, und ihm dazu unbenommen lässt,jenem von ihr abrufenden Gefühl oder Verlangen in einem zweitenoder fernem Gebilde zu entsprechen , jetzt — um das obige Bei-spiel wieder zu ergreifen — die Figuration oder Fuge zu vollen-den, dann aber jene Motive oder die begünstigte Stimme in einerandern Form zu freierer Geltung zu bringen.
Ohnehin muss der Künstler vermögen, eine Gestalt neben derandern festzuhallen und auszulragen; geistige Geburten verlangenihre Zeit der Reife und Kräftigung, wie leibliche. Ja oft genugist man zu längerm schmerzlichem Harren, als die Sache fodert,nothgedrungen.
7. Stimmung zur Arbeit.
Wenn wir nun die Pflicht anerkennen, alle Formen durchzu-arbeiten ohne Nachgiebigkeit gegen unsre besondre oder augenblick-liche Neigung: so müssen wir auch in jedem einzelnen Falle frischHand an das Werk legen, nicht die Zeit und den rüstigen Augen-blick verpassen, indem wir auf eine günstigere oder die beste Zeitund Stimmung warten. Auch hier haben wir uns vor der irrigenAuflassung einer an sich unbestreitbaren Wahrheit zu hüten. Esist wahr, dass jene Erhebung des Geistes — die künstlerische Be-geisterung — welche allein das volle Gelingen künstlerischen Schaf-fens verheisst, nicht willkührlich hervorgerufen werden kann, unduns keineswegs zu jeder Stunde vergönnt ist. Wenn wir uns alsodurch den Lehrgang zu Arbeiten bestimmen und uns den Tag der