recht anerkennen und uns ihrer bedienen, uns ihr fügen wollen,als wir ihre vernünftige und künstlerische Nothwendigkeit erkannthaben.
Von diesem Gesichtspunkt aus fällt nun auch ein gefährlichesVorurtheil, das man in Bezug auf Form der Kunstwerke oftbei den lebhaftesten und begabtesten Jüngern und Kunstfreundenan trifft, ohne Weiteres weg. Dem unterrichteten und dabei vonTalent und Temperament vorwärts getriebnen Neuling in der Kunsterscheint nämlich die Form einstweilen leicht als ein blosser Zwang,als ein Herkommen ohne weitern Grund, das dem freien Künst-lergeist Fesseln anlege und ihn zwinge von dem abzuweichen,was eigentlich in ihm gelegen, wozu er geneigt uud bestimmt ge-wesen. Dass bisher gewisse Kunstwerke, z. B. Sonaten oder Fu-gen , in der Form unter einander ziemlich übereinstimmend ge-wesen , kann zwar nicht verkannt und geleugnet werden. Abersoll daraus folgen, dass wir Neuere und Neueste uns 2u derselbenForm zwingen, blos weil unsre Vorgänger sie beliebt haben? Würdeeine Unterwürfigkeit gegen das Herkömmliche nicht geradezu zumSchlendrian führen und jeden Fortschritt unmöglich machen?Wäre es nicht vielmehr zu wünschen, dass ein Jeder sich frei undeigen und neu entfaltete? —
Hiergegen geben wir vor Allem zu bedenken, ob man wohlwagen darf, von einem Mozart, Beethoven, von allen Meisternohne Ausnahme anzuuebmen : sie hätten sich einem herkömmlichenSchlendrian gefügt? — oder ob man wohl sich ableugnen möchte,wie eigenlhümlich sich jeder von ihnen in seinen Werken gezeigthat? Wenn man nun gleichwohl nicht verkennen kann, dass siealle bis auf einen gewissen Punkt in der Form übereinstimmend ge-wesen und dabei wiederum auch Raum und Möglichkeit gefundenhaben, sich von diesen zum Grunde liegenden Formen aus frei undeigenlhümlich zu bewegen : so muss denn doch diesen stets festge-haltnen Formen ein tieferer Grund inwohnen, als eine blosse her-kömmliche Gewohnheit! Und ferner, w'enn man einmal bei der Vor-stellung eines Herkommens stehen bleiben will: wie ist denn einsolches denkbar, ohne Grund in der Vernunft? Wie kann irgendetwas Herkommen geworden seiu, wenn nicht die Kraft der Ueber-zeugung es hervorgerufen und die Menschen zur Annahme und zumFesthalten bewogen hat? So führt also selbst jene oberflächlicheVorstellung, — die Kunstformen seien blos hervorgebrachte, her-kömmliche Gestaltungen, — sogleich zu der Einsicht weiter, dassdieseu Gestaltungen Vernunft, und zwar ein so umfassender undfortlebender Gedanke zum Grunde liegen müsse, dass sie eben so-genanntes Herkommen, bleibende Form haben werden können.Zum blossen, gedankenlosen Herkommen erniedrigen wir sie (oder