vielmehr unser Wirken) nur dann, wenn wir sie hinnehmen, ohneauf ihren Vernunflgrund zurückzukehren; fühlen wir uns dann vonihnen gedrückt und gehemmt, so ist dies nur die Strafe dafür, dasswir sie gedankenlos aufgenommen haben, wie es nicht dem Künst-ler, sondern dem Handwerker ziemt.
Uns ist also jede Form nichts anders, als
einer der Wege, auf denen die künstlerischschaffende Vernunft ihr Werk vollbringt;und alle Formen insgesammt sind uns
der Inbegriff aller der Weisen, in denen die künstlerischeVernunft ihr Werk, die Gesammlheit der Kunstwerke her-vorbringt.
Jeden dieser Gedanken werden wir in uns aufnehmen, uns zueigen machen, indem wir ihn thatsächlich ausführen, das heisst:in einem Kunstgebilde verwirklichen. Durch jeden dieser Gedankenwerden wir um eine Richtung des Kunstgeisles reicher: jeden kön-nen und müssen wir weiter verfolgen und ausbilden, nach demBeispiel aller Meister, die genau dasselbe gethan haben, ein Jedernach seiner Weise.
Wenn Avir in solchem Sinn die Formlehre auffassen, so kannsie uns — dies ist klar — nur unendlich viel geben, nichts abernehmen. Sie giebt uns alle Grundgedanken, die in den Werkenaller bisherigen Künstler hervorgetreten sind, zu eigen und zu leben-digem eignem Weiterschreiten; und lässt uns Alles, Avas wir Eig-nes und Vernunftgemässes schon besitzen oder künftig aus uns ber-vorheben. Ja, Aveiin selbst die Formlehre eine Lücke liesse, einender Wege künstlerischen Wirkens überginge: so würde sie diesenwenigstens nicht versperren, also auch hier uns nicht beschränken:sie Avürde vielmehr selbst auf ihn hinweisen, indem sie alle andernWege nebeneinander zeigte.
4. Das Verhültniss des Jüngers zu den Formen.
Nach der obigen Erläuterung ist nun der Jünger sicher, dasser auch in diesem zweiten Theil nicht unter willkührliche Gebote,unter einen Handwerkszwang gestellt, sondern als Künstler behan-delt und beschäftigt wird; für ihn wie für den gereiften Künstlerhat die Formlehre und jedes ihrer Gesetze nur in so fern Gültig-keit, als seine eigne Vernunft und sein künstlerisches Gewissen sieanerkennen müssen.
Nur zweierlei ist hierbei noch zu bedenken:
Erstens wissen wir bereits, dass es viele Kunstformen giebt,deren jede vernünftig, also nothwendig ist; wir sehen auch voraus,