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werden können, dennoch aber sich wiederum zu der Geltung eineswahrhaft freien Kunstwerkes erheben, sobald der Geist des Schaf-fenden die äusserliche Rücksicht oder die gegebne Melodie ganz indie Idee seines Werkes hineingezogen, zu einem durchaus einigenund wesentlichen Theil seines Schaffens umgewandelt hat. Alleindieses Ineinanderfliessen der Gränzen ist, wie wir bereits aus demersten Theile (S. 8 *)) wissen, ein Unvermeidliches in den Gebietengeistigen Schaffens. Es ist so wenig zu vermeiden oder etwa alsein Fehler der Darstellung zu achten, dass wir es vielmehr alseinen wesentlichen Zug in der Entwickelung der Kunst immer wer-den wiederkehren sehen; und dass, wenn wir es erst recht begrif-fen haben, es uns vielmehr als ein Zeichen wahrer Lebendigkeitder Kunstentwickelung und als ein Prüfstein für die Vollständigkeitder Lehre dienen soll. Nur das Todte lässt sich scharf abscbnei-den und zerlegen. Das Lebendige waltet und wirkt von einemMittelpunkte, einem Kern aus — man kann nicht so ganz bestimmtsagen, wie weit? Es berührt andres Lebendige, ja geht darinüber oder nimmt davon auf; und indem wir dies inne werden,überzeugen wir uns, dass wir sein Walten nach dieser Seite hingenügend begleitet und erkannt haben.
2. Begriff der Kunstform.
Wir wollen also freie Kunstwerke hervorbringen lernen. Hierweiss nun Jeder, dass es Kunstwerke der - verschiedensten Formgiebt. Selbst der oberflächlichste Beobachter kann leicht inne wer-den, dass ein Tanz oder Marsch sich von einer Sonate oder Fugeschon der äussern Gestaltung nach bestimmt unterscheidet, und dasswiederum alle Märsche, oder alle Walzer unter einander, so wiealle Fugen unter einander, trotz aller Abweichungen im Einzelnen,im Allgemeinen eine gewisse Aehnlichkeit, eine gewisse Ueberein-stimmung der Form zeigen.
Wir haben nur einige allgemein bekannte und leicht unter-scheidbare Formen genannt. Aber man sieht leicht, dass jedesKunstwerk seine Form haben muss. Denn jedes Kunstwerk hatnothwendig seinen Anfang und sein Ende, also seinen Umfang; esist aus Theilen verschiedner Art, verschiedner Zahl, — in ver-schiedner Weise zusammengesetzt. Der Inbegriff aller dieser Merk-male heisst eben
die Form
*) Wo auf den ersten Theil der Kompositions - oder auf die allg. Musik-lehre verwiesen wird, ist stets die Seitenzahl der dritten Ausgabeangegeben.