Zehntes Buch.
^«?icht lange, nachdem Italuö seine Rolle ausge-spielt hatte, trat Nilus aus demSchauplahe ans,der von einer mir unbekannten Herkunft war. InConstantinopel führte er ein abgcschiedneS, Gott alleingeweihtes Leben, studierte fleißig die heilige Schrift,und trieb dabey die Scheinheiligkeit aufs Höchste. Inden Wissenschaften war er gänzlich verwahrloßt. Daer ohne fremde Leitung, ohne die mindeste Philosophie,sich ganz allein überlassen, das Studium der Bibeltrieb, so konnte es nicht fehlen, daß er aus sehr fal-sche Auslegungen gerieth. Das günstige Vorurtheilvon seiner Heiligkeit, und Harken Lebensart, der Kunst-griff, seine Gelehrsamkeit nur gleichsam durchfchimmernzu lassen, um desto höhere Begriffe von ihr bey andernzu erregen, verschafften ihm einen starken Anhang, undFreyheit in großen Hausern als ein selbst berufner Leh-rer auf zu treten. Seine Unwissenheit in der Lehre vonder Vereinigung beyder Naturen in Christo gieng soweit, daß er nicht einmal die dabey üblichen Kunstwör-ter Hypostasts, und HenosiS verstand. In dieser Un-wissenheit lehrte er, daß die Menschheit ihrer Na-tur nach der Gottheit theilhaftig worden sey.
Der Kaiser berief ihn zu sich, verwieß ihm seinenIrrthum ernstlich, zeigte ihm wie diese Lehre zu ver-stehen sey, und daß die menschliche Natur, nur durchgöttliche Gnade der Gottheit sey theilhaftig worden.Allein Nilus ließ sich nicht überzeugen. Sogar körper-liche Leiden würden bey ihm nichts ausgerichtet haben.
Sein