Druckschrift 
1 (1852)
Entstehung
Seite
478
Einzelbild herunterladen
 

478

Eben so leicht wäre jedoch, wie uns scheint, zu bemerkengewesen, dass andre Intervalle, wenn sie unter ähnlichen Umstän-den auftrelen, z. B. Terzen und Sexten oder Septimen,

eben so auffallend werden können.

Dies leitet aber auf die Lösung der ganzen Frage.

Alle dergleichen Fortschreitungen sind nur auffallend oder hef-tig vordringend und dadurch bisweilen missfällig, wenn sie ent-weder zwischen unzusammenhängenden, also schon für sich be-fremdenden Akkorden statt finden, oder wenn sie aus einem un-natürlichen Stimmschritl, aus der Führung einer oder beider Stim-men in entfernte, statt in die nächsten und bequem liegenden Tönedes folgenden Akkordes hervorgehn. Daher eben wird unter glei-chen Umständen jedes Intervall gleich auffällig; dies bemerkten nurdie Theoretiker nicht, weil sie mit krankhafter Aengstlichkeitüberall nach den vielbesprochnen Quinten und Oktaven umherhorch-ten , die denn alle verdammt werden mussten und die man allent-halben argwöhnte, wie die Jesuiten.

Für uns hat diese Angelegenheit nur untergeordnete Bedeutung.Denn nach unsern Grundsätzen werden wir von selbst nicht fremdeAkkorde zusammenbringen oder die Stimmen über das Nächstliegendein das Ferne und Fremde führen, bis wir auf einer hohem Stufebeides mit Bewusstsein und an rechter Stelle tliun können. Be-sonders aber wollen wir uns vor Verzärtelung des Sinneshüten, die vor jeder stärkern Ansprache zurückbebt, da es dochObliegenheit der Kunst werden kann, auch das Stärkste, ja Herbsteauszusprechen, das je in des Menschen Brust gekommen. Undnoch mehr wollen wir uns jene pedantischen Einbildungenund Aengstlichkeiten fern halten, die, um nur den kleinstenAnstoss zu meiden, lieber jeden freien Schritt verkümmern oderversperren möchten. Alle Meister haben ihren Sinn rein gehaltenund gebildet, aber sie haben ihn nicht von theoretischen Grillenankränkeln lassen; dies kann von jedem Einzelnen aus seinenWerken bewiesen werden.