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Zweiter Abschnitt.
Anlage der Harmonie.
Die eigentliche Thätigkeit des Tonselzers beginnt nun erstmit der Festsetzung der Modulation und Harmonie. Hier gellenzwar dieselben Grundsätze, die uns bisher geleitet haben; aber inzweierlei Hinsicht müssen wir weiter gehn, als im Choral.
Erstens sind in der Regel die Volkslieder im Karakter undInhalt bestimmter von einander unterschieden, als die Choräle untereinander, da in jenen alle menschlichen Zustände in ihrer reichstenMannigfaltigkeit zur Sprache kommen, alle Empfindungen mit deneigensten, feinsten und schärfsten Zügen hervortreten, währendim Choral Alles unter der gemeinschaftlichen Stimmung und Formder Andacht, und zw r ar der im christlichen Gemeinelied herrschen-den , erscheint. Bei dem Choral konnten wir uns daher an einerGrundform der Behandlung, an einem allgemeinen Typus, der alleChoräle beherrscht, genügen lassen; bei den Volksliedern müs-sen wir aber nach der Stimmung eines jeden besonders fragen,— obwohl eine gewisse volksmässige Allgemeinheit auch hiersich herausslellt. Wie wechselnd und reich aber die in den
Volksliedern laut werdenden Zustände sind, wird der, dem es nochnicht bekannt sein sollte, mit Ueberraschung erfahren, wenn er mitSinn und Theilnahme eine Reihe von Volksliedern durchgeht. Wirempfehlen dazu vor Allen die Sammlung der ^Deutschen Volks-lieder“ von Erk und Irmer') wegen ihres reichen und ge-wissenhaft geprüften Inhalts, dann auch: ,, Braga, “ eine Samm-lung Volkslieder verschiedner Nationen von O. L. B. Wolf**),von reichem und theilweis sehr interessantem, hin und wieder abernicht zu verbürgendem Inhalte, nur leider einer oft unlöblichenmusikalischen Behandlung. In beiden Sammlungen findet auch derKompositionsschüler reichlichen Bildungsstoff.
Zweitens haben wir bei den Chorälen nach der christlichandächtigen Fassung und der eben daher rührenden Gleichmässigkeitdes Rhythmus eine gleichmässige Harmonieverlheilung, — in derRegel auf jeden Takttheil (jede Silbe) einen Akkord, — ange-messen gefunden, und um nicht in dieser Gleichmässigkeit eintönigund malt zu werden, die Akkordfolgen energisch, die Stimmen ge-sangreich auszubilden getrachtet. Das Alles ändert sich bei denweltlichen Gesängen durchaus. Die Mannigfaltigkeit des Inhaltsund der in ihnen herrschenden Stimmungen hat vor Allem
*) Berlin , Plahn’sche Buclihnndtung.
'*) Bei Simrock in Bonn.
‘Hi 'ijh'