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Volk hat jene Gesetze nicht gewusst, sondern nur (soweit sieauf der Natur beruhn) im unbewussten Gefühl getragen. Aberzunächst gegenwärtig und am Herzen war ihm das Gefühl des Mo-ments, des Zustandes, in dem das Lied ihm eigen wurde. Hiersind die nächsten und wahren Gründe für die Weise des Lieds undihre Abweichungen vom allgemeinen Gesetz zu suchen.
Soviel über den Antheil, den das Volkslied uns abgewinnenkann. Er ist so wichtig und bildend, dass kein Jünger der Ton-kunst versäumen sollte, sich mit dem Volkslied ernstlich zu be-schäftigen, und zwar nicht um es nachzuahmen (das ist eitel), odergelegentlich eine Volksweise in eignen Werken anzubringen (dasist gering), sondern um tiefer in dieSeele seinerKunst einzudringen.
Diese Beschäftigung kann sich, wie bei jedem andern Werk,auf Hören und eignen Vortrag oder auf Nachdenken über Ge-staltung und Sinn des Tonstücks beschränken, oder aber — unddies ist die dem künftigen Komponisten sich darbielende Uebung —in eigner Bearbeitung, die hier zunächst in der Erfindung einerBegleitung, dann auch wohl in der Darstellung des Volksliedes alsselbständigen Tonstückes (ohne Gesang, z. B. auf dem Klavier,oder mit mehrern Instrumenten) besteht. Denn das Volkslied, alssolches, wird im Volke bald unbegleitet und einstimmig gesungen,bald machen sich mehrere Sänger naturalistisch , ohne Grundsätzeund Regeln blos nach dem Gehör, einen zw'ei- oder mehrstimmi-gen Satz daraus (wie man von den lyroler und sleyermärker Sängernfrisch und artig gehört), bald wird ein volkstümliches Instrument(etwa eine Zither) eben so naturalistisch zur Begleitung genommen.
Wenn nun der Musiker diese Begleitung setzen soll, so kanner dies entweder im Sinne des Volks thun und die Begleitungzur untergeordneten, allenfalls sogar entbehrlichen Dienerin undUnterstützerin des Gesanges machen; oder er kann mit seinerArbeit einen höhern Zweck verfolgen, nämlich durch die Weiseseiner Begleitung den Ausdruck des Liedes verstärken und ergän-zen und den Sinn des so zusammengesetzten Kunstwerks, wie dendes Hörers, in eine höhere Sphäre erheben. Im ersten Falle bleibtdas Volkslied in seiner eigentlichen Sphäre, naiver Ausdruck irgendeiner volkstümlichen Stimmung, die sich diesem oder jenem Mo-mente des Seelenlebens anschmiegt. Im andern Falle wird es eineignes, einer ganz bestimmten Vorstellung sich widmendes Kunst-werk, das man nur noch als solches, nicht mehr als eigentlichesVolkslied anzusehen hat. Von letzterer Art ist die Sammlung„schottischer Gesänge von Beethoven“*), vor allen ähn-
*) Vier Hefte, neue Ausg. bei Schlesinger in Berlin.