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1 (1852)
Entstehung
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Es ist hier der beste Anlass, eines Schicksals der allen Ge-säuge zu gedenken, das uns um viele derselben betrogen, oder viel-mehr sie verunstaltet und damit in die Melodien, in ihre Behand-lung und in die Ansichten über beide arge Verwirrung und Irrthü-mer gebracht hat. In einer Periode nämlich (besonders in derletzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts), in der an die Stelle tiefen,kräftigen Glaubens und tieflebendiger Kunst denn beide gehnmiteinander kühle (lache Aufklärung oder Abklärung und einfades Spiel mit Kunstmittelu zu oberflächlichem Erfolge getretenwar, konnte auch das Tiefe und Gewaltige in den allen Kir-chengesängen nur befremdlich und abstossend befunden werden.Man trachtete danach, die allen Lieder, da sie nicht zu beseitigenwaren, der alltäglichen abgeschwächten Gefühlsweise anzupassen,sie in einem falschen Sinne, durch Erniedrigung und Schwä-chung, populär zu machen ; denn das Hohe und Starke kann auchnur von gesundem und kräftigem Gemüth aufgenommen werden.So wurden die alten Gesänge vielfältig nicht blos ihrer karak-teristischen Modulation, sondern auch der eigentümlichsten Melo-diewendungen beraubt, sie sollten sich unsern gewohnten Tonartenund dem Schlendrian der üblichen Gesangweise bequemen. EineVorarbeit sonderbarer Art fand man in den Versetzungen alterMelodien aus ihrer ursprünglichen Tonart in andre, die ältereMeister ihren Schülern als Uebung aufgaben, um an ein undderselben Melodie den Unterschied der Tonarten zu erweisen. So-viel über einen leidig merkwürdigen Vorgang, dessen Spuren undFolgen nicht hier*) weiter erwogen werden können.

Uns diene er nur zu zweierlei : einmal uns aufmerksam zumachen auf einen nur zu reichhaltigen Quell vielfacher Verwirrungund Ungewissheit über alte Melodien, wie wir sie in unsern Cho-ralbüchern mehr oder weniger entstellt finden; daun uns wenig-stens an Einem Beispiel die Uebermacht alten Kirchengesangs überneuere Umgestaltung zu zeigen. Es ist das Lied: Ach Gott undHerr, offenbar unserm Udur angehörig und in dieser Gestalt, gegenseinen Text gehalten, matt genug geworden, um nun den Sinndes Textes (namentlich ides ersten Verses) wie in lauem Wasseraufzulösen. Ursprünglich war aber das Lied dorisch geschriebenund sah so aus**).

) Vergl. das theilweise konfus abgefasste, aber ungemein gebaltreicbe Werkvon Mortimer, der Choralgesang zur Zeit der Reformation. Berlin, bei G. Rei-mer, 1821.

**) Nach Mortimer; auch im evangel. Choral- und Orgelbuch aufgenommen.Vergl. hierbei die Behandlung desselben Chorals in seiner neuern Weise inNo. 490 und das darüber Angemeikte.