Druckschrift 
1 (1852)
Entstehung
Seite
376
Einzelbild herunterladen
 

376

geweseu. Allein diese konnle ans harmonischen Gründen nicht zurTonart werden, denn sie lässt ja nicht einmal einen tonischen Drei-klang zu; die Quinte der Tonika (von h das f) ist eine kleine.Und hätte man sie willkührlich erhöhen wollen , so wäre nicht etwasNeues, sondern dieselbe Tonreihe entstanden, die schon auf e vor-handen ist. Diese sechs Tonarten nun hiessen

1) die ionische, auf C,

2) die dorische, auf D.

3) die phrygische, auf E,

4) die lydische, auf F,

5) die mixolydische, auf G,

6) die äolische, auf A .

Wir werden übrigens später erfahren, dass und warum einevon ihnen, die lydische, niemals recht in Wirksamkeit gekom-men, und eben desswegen wollen wir sie zuletzt, abgesondert zurErwägung ziehen.

In melodischer Hinsicht nun erkannten die Alten mit tieferEinsicht zweierlei Stellung für jede ihrer Tonarten. Entwe-der bewegte sich ihre Melodie durchaus, oder vorzugsweise, vonTonika zu Tonika, also von dem Grunde der Tonart bis zudessen Wiederkehr in der andern Oktave. Solche Melodien nann-ten sie authentische, ja, die ganze Tonleiter, wenn sie sichvon Tonika zu Tonika bewegte, hiess so. Von dieser authentischenMelodieordnung erwarteten sie den Eindruck der Bestimmtheit, Festig-keit, klaren Freudigkeit; Lieder, wie ,,Ein feste Burg, ,,VomHimmel hoch, da komm ich her, und andre, sind authentischgeschrieben.

Oder ihre Melodien bewegten sich um die Tonika herum,etwa von der Dominante zu deren Oktave. Solche Melodien nann-ten sie plagalische; die Tonleiter selbst, so dargestellt, hiessdie plagalische. Von dieser melodischen Form erwarteten sie einenmildern , beweglichem, schwebenden, sanften Eindruck. Als Bei-spiel dienen unsre ersten zwei Choräle, so wie das Lied,Nunruhen alle Wälder. Will man sich das Wesentliche dieser beidenFormen sogleich vor Augen stellen : so blicke man auf die S. 24und 25 gefundnen Urgestallen der Tonleiter:

c-d-e. - f- g- a- h- c,

g-a-h-c-d-e - f . g,

zurück; ihren dort schon begriffnen Sinn finden w'ir hier durch dieAnschauung und Erfahrung mehrerer Jahrhunderte bestätigt.

Nur diesen Gewinn : Bestärkung in unsrer Ansicht vom Sinneder ersten Grundmelodie, konnten wir hier suchen, da es nichtunsre Aufgabe ist, Melodien nach dem allen System zu erfinden,