Zweite Abtheilung.
Die Choräle in den Kirchentonarten*).
Es ist schon S. 317 darauf aufmerksam gemacht worden, dassviele unsrer Choräle weder unsrer Dur- noch Mollgattung, son-dern einem frühem System von Tonarten angehören, und sichnach unserm Modulationssystem entweder gar nicht, oder doch nichtauf die rechte, ihrem Sinn entsprechendste Weise behandeln lassen.Sie fodern andre Modulation und Harmonisirung, diejenige näm-lich, welche ihnen nach jenem alten System gebührt. Selbst ihreMelodien entsprechen unsern Grundsätzen oft gar nicht, wenn manauch dabei von Harmonie absehen will.
Wollen wir dergleichen Choräle (und es sind unsre schönsten)zweckmässig behandeln, so müssen wir von den Tonarten Kenntnissnehmen, in denen sie geschrieben sind ; wenigstens so weit, alszur Beurtheilung und Wahl der Harmonie erfoderlich ist. DasNähere gehört der Geschichte an**); — doch können wir einenan sich zunächst geschichtlichen Gegenstand nicht klar auflassen,ohne seinen geschichtlichen Verlauf wenigstens in den flüchtigstenAndeutungen im Auge zu haben.
Noch einen wichtigen Vorlheil verspricht uns die Betrachtungder alten Tonarten. Sie haben sich entfaltet und tbätig bewiesen,bevor unser System der Tonarten und Modulation sich ausbildete,und haben endlich in dieses hineingeführl. Sie mussten in unserSystem hineinführen und sich in ihm verlieren oder aufgeben ; denneine höhere und allgemeinere Wahrheit lebt in unserm Tonarten-system; und nur in ihm, nicht in jenem, war ein weiterer Fort-schritt der Tonkunst, bis zu einer gegen die frühem Jahrhunderteunermesslichen Höhe möglich. Von diesem Gesichtspunkt aus er-
*) Nach vielfältiger Erfahrung hat der Verf. rathsain gefunden , das Stu-dium der Kirchentonarten nicht eher beginnen zu lassen , als bis der Schülersich schon durch längeres Arbeiten in dem Harmoniesystem unsrer Periode ganzsicher festgesetzt, ganz darin eingelebt hat. Danu erweitert das Studium denBlick und macht frei den Sinn iiher unsre Zeit hinaus ; früher kann es leichtzu Gesuchtheit und Manier oder Entlehnung fertiger Formeln an der Stelle deseigen Erfundnen verleiten.
’*) Vcrgl. darüber den Art. Kirchentonart und die übrigen damit zusam-menhängenden Artikel des Verf. im Universal-Lexikon der Tonkunst.