Vierte Abtheilung.
Der freiere Gebrauch der bislierigen Akkorde.
In der vorigen Abtheilung halten wir das Ziel erreicht, dieDurlouleiter nnd jede in einer einzigen Durlonart bleibende Me-lodie mit Harmonie zu versehen. Allein es war in der kümmerlich-steu Weise geschehn. Dass unsre Harmonie noch sehr arm undunbeholfen war, würden wir uus vorerst wohl gefallen lassen bon-nen; waren doch auch in den frühern Abtheilungen unsre Anfangearm nnd gering und haben gleichwohl weiler geführt. Dass wirferner das freie Schaffen einstweilen aufgegeben und uns blos aufBegleitung gegebner Melodien beschrankt hallen, kann bei der Neu-heit des Gebiels der Harmonie, das erst anfangt sich vor unsernBlieken zu eröffuen, auch noch erlragen werden.
Allein Eins musslen wir vor allen Dingen erkennen: dass wirselbst die kiinstlerische Sphare ganz verlassen ballen. Das darfnicht liinger sein. Der Kiinstler muss vor allen Dingen frei sein,selbst und nach eignem Ermessen — wenn auch in engem Kreisund mit geringen Milteln -— schaffen koenen; was er blos nachfremder Vorschrift thut, ist nicht kiinsllerisches Erzeugniss.Bei den Harmoniearbeiten in der vorigen Abtheilung sind wiraber nicht frei gewesen; wir mussten die bekannlen Ziffcrnsetzen, mussten nach deren Anweisung den Bass und dann dieMittelstimmen hinsebreiben, überall war Vorschrift, nirgend freieWahl, — ausser in dem einen Fall, wenn in der Melodie auf diesiebenle Slufe die sechste folgle und wir die Wahl hallen, ent-weder die letztere oder die erstere (No. 105, 107) mit einemkleinen Dreiklang zu begleiteu. Diese eine geringe Freiheit malintan unser künstlerisches Hecht, überall freie Wahl zu haben, soweit diese den Gesetzen der Kunst überhaupt eiilsprechend, dasheisst vernunftmassig ist. Der bisherige Zwang ist übrigens nichtfruchllos gewesen; ihm haben wir es zu danken, dass unser Ein-tritt in die Harmonie mit der grössten Sicherheit, ■— mit der Ua-möglichkeit, Fehler anders als aus offenbarer Unachlsamkeit zumachen, — geschehen können. Es war dies die nothwendige Periodeder Unmündigkeit. Nun muss sie enden; aber wir wollen besonnenund sicher zur künstlerischen Selbstandigkeit vorschreiten.