Allein das versteht sich von selbst, dass ein höherer Grad,wo möglich Tiichtigkeit in Spiel und Gesang das Kompositionsstu-dium unermesslich erleichtert und befruchlel, und urn so mehr,je mehr man sich gewöhnt und gebildet bat, mit Sinn und Antbeilzu spielen und zu singeu und sich die musikalischen Wirkungenauch ohne Instrument, durcli die blosse Phantasie deutlieh vorzu-slellen. Vor allen Instrumenten aber verdient das Pianoforte denVorzug. Ilöheres Gelingen in der Komposition ist ohne befriedi-gende Bildung im Gesang und Pianofortespiel schwerlich zu hollen.Wer ausserdem noch ein Slreichinstrument und wo möglich einBlasinstrument in seiner Gewalt hat, wird davon die erwünschtes-ten Folgen erfahren.
Hiernachst ist ausserst wünschenswerth, dass der Kompositions-schiiler sich vor und neben seinem Studium mit den Werken derMeister, vor allen aber mit Seb. Bach, Handel, Gluck, Haydn,Mozart und Beethoven, so viel nur irgend möglich vertraulmaehe und seinen Geist an ihren Schöpfungen entzünde und erhebe.Selbst wenn ihm für einen oder den andern*) der Sinn’ noch nichtaufgegangen ware, darf ihn das nicht abhallen, unablassig eben zudiesem zurückzukehren und den hier cmpfundencn Mangel in seinerBildung oder Empfanglichkeit zu überwinden. So auch darf ihmkeine Kompositionsgattung oder Form, in der unsre Meister ge-schriebenhaben, unvertrautbleiben. DieseErinnei ungmöge jeder ernsl-lich Strebeude um so reiflicher erwiigen und beherzigen, je hauügerKlavierlehrer in unsern Tagen sich und ihre Schuier nicht nurvon den altern Formen (z. B, der Fuge), sondern auch von denneuern Meistern (sogar von Beethoven, unter dem Vorwande, erhabe nicht klaviermassig geschrieben! ! — er, der Vollender derKlaviermusik bis auf diesen Tag!) ah und zu blusser technischerund der einseiligen Virtuosenbildung hinweuden.
Dass endlich humanistische Bildung dem Musiker wie jedeuiAndern von uuberechenbarem Gewinu ist, versteht sich ohneWeiteresvon selbst.
Dies Alles vorausgesetzt wenden wir uns wieder zum Kom-positionsstudium selbst zurük.
9 . Aiipjabe des Schillers.
Die Kompositionslehre ist Kunstlehre: sie soll das Bon-
nen (denn die Kunst hat ihren Namen vom Können), die That,
*) Wer mit Seb. Bach noch nicht bekannt oder in ihm einheimiseh ge-worden, dem kann die vom Verf. bei Ckallier in Berlin kerausgegebue,,Auswabl aus S. Bacb’s Kom posilio n e n “ als Eiufiihrung dienen.