448
sungene Affect ist unendlich verzögert gegenüber demgesprochenen. Die begleitende Bewegung muss die raschepackende naturalistische Bewegung in eine pathetischeGrösse umdeuten. Und so ahnte ich eine allerfrucht-barste Zukunft unserer plastischen Aufgaben, einer soerhabenen Musik die entsprechende Erhabenheit derStellungen und Gruppirungen zu erfinden. Und auchhier wieder erschien mir die Musik als der Erlöser unsererGegenwart. Dagegen war die Oper ganz ungeeignet,eine Reinigung des plastischen Sinnes zu erzeugen: dennihre Sänger waren verkleidete Instrumente, ihre Be-wegungen im Grunde gleichgültig und deshalb von vorn-herein durch Convention bestimmbar. Eher könnte mansagen, dass der moderne Mensch, durch die Verführungseiner Lieblingskunst, der Oper, sich an den Conventions-ausdruck in Tracht, Gebärde u. s. w. gewöhnt habe: dassdie Höfe Nachahmungen der Opernwelt und allmählichdie ganze civilisirte Welt die abgeblasste Nachahmungder früheren Hofcultur sei.
Dasselbe aber, was hier zu einer ruhigeren Plastiknöthigt, die längere Dauer des gesungenen Tones, hatoffenbar auch in dem äschyleischen Drama dazu ge-nöthigt: ausserdem aber, zu einer Steigerung dieserplastischen Ruhe, noch ein anderer Umstand. Die Tra-gödie ist ein religiöser Act des ganzen Volkes, das heissteiner ganzen Bürgergemeinde, sie rechnet also auf einegrosse Zuschauermasse : dies aber macht die Entfernungendes Dargestellten vom Zuschauer viel grösser als bei uns.Dieser anderen perspectivischen Verhältnisse wegen mussteder Schauspieler selbst mächtig ausgestopft und auf demKothurn stehend vorgeführt werden : aus demselben Grundetrat die Maske an Stelle des bewegten Gesichtes. Abereben deshalb muss auch die Plastik nur in grossen und